Tseten Zöchbauer.
Tseten Zöchbauer.

"Ich wollte einfach in Wien einen Ort, wo ,Tibet draufsteht, egal ob Kulturzentrum, oder Lokal", sagt Tseten Zöchbauer. Nur ein paar Quadratmeter Tibet. Ein Ort zum Abschalten, zum Lernen, zum Austausch. Die 48-Jährige hat sich diesen Traum erfüllt. Seit bald zehn Jahren betreibt sie das "Tibet". Aber nicht nur das: Mit ihrer Organisation "Save Tibet" und der Österreichischen Tibetergemeinschaft, dessen Präsidentin sie ist, organisiert sie den Widerstand gegen das chinesische Regime in Tibet.

Und hilft den tibetischen Flüchtlingen, die ab und an auch in Österreich stranden. Sie organisiert für sie Deutschkurse, dolmetscht auf der Behörde oder hilft mit Essen aus: "Ich bin ein ganz schlechter Geschäftsführer", gibt Zöchbauer zu. "Aber wenn ich einen Flüchtling hier habe, soll ich dem was verrechnen? Das kann ich nicht." Denn Zöchbauer kennt das Schicksal der Gestrandeten aus eigener Erfahrung. Im Alter von sechs Jahren flohen ihre Eltern aus Tibet nach Indien. Damals war die auch heute noch sehr zierliche Frau so dünn, dass sie ihre Eltern in die Schweiz schickten - zum Aufpäppeln. Dass das ein Abschied für lange Zeit sein sollte, war ihr damals nicht klar. Und natürlich blieb sie in der Schweiz, wuchs bei Zieheltern auf und lernte Deutsch und Französisch.

Im Restaurant steht ein kleiner Altar. Fotos: Newald
Im Restaurant steht ein kleiner Altar. Fotos: Newald

Fast wäre aus ihr eine ganz "normale" Schweizerin geworden. Doch ein Besuch in den USA prägte ihr weiteres Leben. Auf einer Demonstration, die indianische Stämme veranstaltet hatten, fiel der Groschen: "Ein alter Indianer-Chief hat zu mir gesagt: ,Was tust Du hier? Wenn Du nicht für Dein eigenes Volk kämpfst, geht es Euch bald wie uns. Sie werden Busse voll Touristen durch euer Land führen und euch als Attraktion ausstellen."

Seitdem ließ Zöchbauer, die später einen Niederösterreicher heiratete und so nach Wien kam, der Freiheitskampf nicht los. "1990 haben wir angefangen. Da sind wir zu dritt vor der Staatsoper gestanden und haben protestiert." Aufklärung ist dabei das wichtigste: "Die Leute haben zu mir gesagt: So lange man bei Euch bergsteigen kann, ist doch alles in Ordnung", wundert sich Zöchbauer. Auch Heinrich Harrer hatte sie gewarnt: "Tibet interessiert die Österreicher nicht, das kannst du vergessen." Aber das reichte ihr nicht: "Ich bin ein bisschen dickköpfig. Wenn man mir sagt etwas geht nicht, versuche ich es nur umso mehr."

Heute gibt es laut Zöchbauer etwa hundert Tibeter in Österreich. Viele kamen als Flüchtlinge und konnten sich auch wegen Zöchbauers Hilfe gut integrieren. Sie kann dabei auf die Unterstützung von Dutzenden Sympathisanten zählen, die auch gerne im "Tibet" auf ein gesundes, exotisches Mahl vorbeischauen. Sänger Hubert von Goisern etwa zählt zu Zöchbauers Verbündeten: "Ohne seine Hilfe würde es das Lokal nicht geben."

Dabei war es gar nicht so einfach, ihren Traum zu erfüllen: Allein zwei Jahre kämpfte sie mit dem Innenministerium, um zwei tibetische Köche beschäftigen zu können. "Durch diesen Kampf hab ich sehr viel über Österreich gelernt", schmunzelt sie. Ein Wissen, dass ihren Schützlingen jetzt zugute kommt. Diese revanchieren sich dafür mit tibetischen Rezepten, die wiederum den Gästen im "Tibet" Freude bereiten.

Nur eins versteht Zöchbauer auch nach zwei Jahrzehnten in Österreich noch nicht: "Die Leute lachen hier nicht so viel wie in Tibet." Dabei gäbe es in Österreich eigentlich viel mehr zu lachen, meint Zöchbauer. Und lacht dabei.

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