Die Erfindung der Action

- © Yantra - Fotolia
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(cai) Marcia Hafif ist im selben Jahr auf die Welt gekommen wie das Tempo-Taschentuch (1929) und sie mag quadratische Formate. Ein Zufall? Ja, natürlich. (Außerdem ist das Schnäuztüchl rechteckig. Das misst 21 cm mal 20,5 cm.) Aber vor ihren neuesten Bildern hab ich jetzt kaum den Reflex unterdrücken können, "G’sundheit!" zu nuscheln. Die schauen nämlich so aus, als wäre der abstrakte Expressionismus höchstpersönlich davorgestanden und hätte plötzlich niesen müssen (weil er allergisch ist gegen Monochromie). Und dann hätte sich die grüne oder orange Fläche mit anderen Farben angesteckt. Durch Tröpfcheninfektion. Hafifs unbarmherzig analytische Kunst ist auf einmal aufregend. Tja, das Niesen ist der Orgasmus des Schnupfens. Obwohl: Das sind "Splash Paintings". Keine "Sneeze Paintings". In Wahrheit wurde die Farbe geworfen. Und eigentlich müsste die Serie "Die Entstehung der Milchstraße" heißen. Denn als Hera den unbefugt an ihrer Brust nuckelnden kleinen Herkules brutal abgestillt hat, weil er ja nicht ihr Baby gewesen ist, hat sie ihre Muttermilch über den ganzen Himmel verspritzt. Oh, der Pollock hat das Action-Painting gar nicht erfunden. Eine Frau war’s.

Galerie Hubert Winter

Yoga für Maler: Heißt die Übung "Alles paletti"? Nein: "Cartesian

Life." Bronze von Baltazar Torres.
Yoga für Maler: Heißt die Übung "Alles paletti"? Nein: "Cartesian
Life." Bronze von Baltazar Torres.

(Breite Gasse 17), Marcia Hafif: "Splash Paintings"

Bis 5. November, Di. - Fr.: 11 - 18 Uhr, Sa.: 11 - 14 Uhr

Hochmut kommt vor dem Phallus

(cai) "Erste Theorie einer Wiese." (Ähm, und was ist die Praxis? Rasenmähen?) Von diesem sehr vollen Blatt Papier lässt sich tatsächlich ein Naturgesetz ableiten: Je mehr Botanik, desto mehr Landschaft. Je mehr Spinat, desto grüner. Horst Janssen, 1929 (oh, der ist im selben Jahr wie Popeye geboren) bis 1995, war ein famoser Farbradierer. Säurespritzer, markige Linien, sanfte Farbverläufe. Quasi ein einfühlsamer Brutalo. Und in seinen erotischen Grotesken schlachtet er das Fleisch regelrecht. "Alter Mann träumt Landschaft": eine Potenzphantasie von japanischer Anmut. Der stramme Baumstamm wartet wohl darauf, dass die Dämmerung auf ihm in den Sonnenuntergang reitet. Irgendwie romantisch.

Galerie Wolfgang Exner

(Rauhensteingasse 12), Horst Janssen (1929 - 1995)

Bis 31. Oktober, Di. - Fr.: 11 - 18 Uhr, Sa: 11 - 17 Uhr

Die Welt ist eine Karotte

(cai) Was ist das? Es hat die Augen zu und befindet sich auf dem Dach. Ein Schlafwandler wahrscheinlich. Und wenn er zusätzlich eine Palette auf den Füßen balanciert und glaubt, die wäre sein Hirn, weil hinten "The Brain" draufsteht? Hm. Ein Schlafwandler, dessen Verstand von Außerirdischen entführt worden ist? Ja. Genau. Oder es handelt sich einfach um Baltazar Torres, der uns seine Psyche zeigt. Okay, diese akrobatische Nummer macht er nicht wirklich. (Da müsste er ja verrückt sein. Mindestens.) Er stellt Bronzefigürchen her, die ihm verdammt ähnlich sehen. Die bemalt er liebevoll und verwickelt sie in surreale Situationen. Eigentlich tragikomisch, sein Narzissmus. Mit amüsanten kleinen Details. (Die Krawatte ist garantiert das Über-Ich.)

Meistens turnen die introvertierten Ichs auf Wolkenkratzern herum. Oder die Menschlein leben in einer Ziegelmauer wie in einer Ameisenfarm und leiden an Clausthaler, äh: Klaustrophobie. Aha, die Seele hat anscheinend Landflucht begangen. Die ist jetzt kein weites Land mehr, sondern eine große Stadt. Und die Welt ist eine Karotte. Jedenfalls sehr orange. Die grellen Ziegel sind allgegenwärtig. Weil der Torres wohl grad seine orange Periode hat. In "Twins Talking About Capitonet" sitzt er sich selbst gegenüber. Führt also ein Selbstgespräch. Ähm, wer ist dieser Capitonet überhaupt? Ein französischer Philosoph? Ein Wein? Oder ist das Kauderwelsch? (Ich nix verstehen. Nix capito net.) Nein, das soll eine Couch sein. Oh, wie freudianisch. Noch dazu sind die eineiigen Zwillinge, sind das Ich und sein Ego Säuglinge. (Raucher.) Eh klar. Ödibusen-, äh: -puskomplexler. Oder geht’s da um die Bewältigung der Kastrationsangst? (Ach, und rauchen Frauen, weil sie auf die Männer neidig sind?)

MAM - Mario Mauroner Contemporary Art Vienna

(Weihburggasse 26), Baltazar Torres

Bis 5. November, Di. - Fr.: 11 - 19 Uhr, Sa.: 11 - 16 Uhr