Wien. Auch heuer fand wieder der österreichische Journalistinnenkongress statt – ja, genau, ohne Binnen-I, denn hier treffen einander vornehmlich Frauen. Einmal im Jahr tummeln sie sich im Wiener Haus der Industrie zum Netzwerken und Fachsimpeln. Heuer gab es dort Workshops wie "Digi-Tipps: Web 2.0" oder "Pressefreiheit, ein hohes Gut". Bekannte Journalistinnen wie die ehemalige taz-Chefredakteurin Bascha Mika diskutierten am Podium über typische Karrierefehler von Frauen. Und das heurige "Kongress-Special" war eine Stilberatung.

Wer jetzt glaubt, es ginge um journalistische Stilformen wie Glosse, Reportage oder Interview - weit gefehlt! Der Workshop des Verbands für Imageberatung (ViB) gab Tipps und Tricks dazu, "wie Sie mehr aus Ihrem Typ machen und Ihr professionelles Auftreten noch weiter verbessern können", wie es in der Kongressbroschüre heißt. Also wird in dem einen Raum skandalisiert, dass Frauen zwar gern als Moderatorinnen
eingesetzt werden, aber in den Chefetagen der Medienbetriebe nach wie vor äußerst rar gesät sind. Und im Nebenraum werden die Journalistinnen vor ausgeleuchteten Spiegeln belehrt, welcher Farbtyp sie sind, und welche Farben sie bei Make up und Kleidung lieber meiden sollten.

Das ist vielleicht nicht uninteressant, aber was hat eine Typberatung auf einem journalistischen Fachkongress verloren? "In einer (noch immer) männerdominierten Welt ist gutes Aussehen nicht nur für das Selbstbewusstsein von Bedeutung, sondern auch ein wichtiger
Karrierefaktor", klärt das Prospekt auf.

Natürlich sind auch Männer nicht vom Schönheitswahn ausgenommen. "Managern oder Politikern steht es gut an, schlank, gut geföhnt und durchtrainiert zu sein", schreibt die Kolumnistin Sibylle Hamann, ebenfalls Kongressteilnehmerin und Mitdiskutantin, in ihrem Buch "Weißbuch Frauen Schwarzbuch Männer". Aber was wäre die männliche Alternative zu den Schminktipps? Ein Krawattenbind-Kurs? Ein bisschen Gewichteheben im Foyer? Ein Barbier, der einem sagt, welcher Bart am besten zur Gesichtsform passt?

Das Schönheits-, Schlankheits-, Fitness- und Jugendgebot treffe
Frauen weitaus härter, skizziert Hamann: Denn sie haben weniger Chancen körperliche Defizite durch andere Qualitäten oder Geld zu kompensieren. Beispiele dafür, dass Frauen weitaus härteren Bewertungen abseits ihrer Fachkompetenz ausgeliefert sind, gibt es zahlreiche. Wie war das mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, die erst respektiert wurde, als sie mit der richtigen Frisur daher kam? Und um das gängige Schönheitsideal vorgegaukelt zu bekommen, muss man nicht erst zu den italienischen Fernsehsendern zappen - wiewohl die Sexismen um den weiblichen Körper dort wohl die seltsamsten Blüten treiben. Selbst bei den Öffentlich-Rechtlichen entsprechen Fernsehjournalistinnen allen gängigen Normen, Übergewicht wird etwa höchstens bei Talkshow-Moderatorinnen geduldet, nicht aber bei den seriösen Nachrichten.

Dabei geht es nicht darum, den Frauen vorzuschreiben, sie sollten  ungeschminkt und übergewichtig die männerdominierte Medienwelt erobern. Wie so oft sollen sie selbst entscheiden können: Ob in Stöckelschuhen und Minirock oder ungeschminkt in Jeans und T-Shirt, ob Karrierefrau oder Mutter, oder alles zusammen. Und ja; auch beim Kongress war die Teilnahme an der Stilberatung freiwillig. Doch allein das Angebot suggeriert: Leistung allein zählt nicht. Wer es zu was bringen will, sollte schon auch hübsch zurecht gemacht sein.