Im Winter kann man die Dunkelheit deutlich sehen. Besonders, wenn man nachts allein auf dem Rad sitzt und an Orte gelangt, wo einem nicht heimgeleuchtet wird, wie zum Beispiel in der Natur. Wie wenig Weiß doch aus der Fahrradlampe kommt, verglichen mit der Tiefe und Undurchdringlichkeit der unbeleuchteten Schwärze, welche die Winternacht so großzügig auswirft. Man ist schon sehr allein mit sich in der Dunkelheit auf dem Rad.

Nun ist der Prater und die Donauinsel nicht wirklich die wirkliche Natur. Ein Zaumzeug an Asphaltwegen durchzieht sie, Stadtgärtner und -förster entfernen alles Vor- und Überstehende, bevor es gefährlich werden kann. Dann und wann erinnern Lampen an die Errungenschaften der technischen Zivilisation, indem sie feine Lichtkegel in den Nebel schneiden. Und es dauert nicht lange, bis ein später Walker oder Jogger die Fahrbahn des einsamen Radfahrers kreuzt.

Trotzdem taucht in dunklen Ecken und trüben Momenten manchmal die Sicherheitsstatisik im radfahrerischen Bewußtseinstrom auf: Würde man rechtzeitig gefunden werden, wenn das schöne Glitzern auf dem Asphalt einen aufs Glatteis führt? Erst vor kurzem ist mir das Rad auf so einer tückischen Stelle davongerutscht und hat mich in der Luft hängen lassen. Bevor ich auf dem Hintern landete, habe ich dem Himmel eine lange Sekunde lang tief in die Wolken geschaut. Schneeflocken rieselten herab, die Perspektive wäre ein Genuss, würde man sie im Kino zu sehen bekommen, doch am Ende der sehr langen Sekunde dachte ich: "Hoffentlich hat die Ambulanz noch offen." Unglaublich, was sich in einer Sekunde alles ausgeht.

Es ist nur ein blauer Fleck geworden, aber es hätte etwas passieren können. Es war ein klassischer Tante-Jolesch-Moment: "Gott soll behüten vor allem, was noch ein Glück ist."

Wird man einmal mit der Gefährlichkeit des Winters konfrontiert, bleibt man schreckhaft. Ich fiel beinahe noch einmal vom Rad, als hinter mir aus der Dunkelheit auf der Donauinsel plötzlich eine Stimme sprach: "Hey, hallo, darf ich was fragen?" Da denkt man doch gleich an einen Trick.

Die Stimme aus der Dunkelheit, gefärbt von türkischem Akzent, gehörte auch einem Radfahrer. Es stellte sich heraus, dass er zum SMZ Ost wollte, aber nicht wußte, wie er hinkommen sollte. Für Nicht-Transdanubier: Das ist ein Spital am Rande der bewohnbaren Welt, ein großer Bau zwischen Stadlau und Aspern, egal. Ich kenne nicht nur einen Weg dorthin, sondern den Weg. Er führt, fast schon entlang der Luftlinie, durch Gärten und Einöden geodätisch optimal direkt zum Ziel.

Ich sagte: "Fahren Sie doch mit mir." Wir kamen radelnd ins Gespräch, es stellte sich heraus, dass der Mann seine Tochter besuchen wollte, die gerade eine Tochter bekommen hatte. Mit einem Wort: Er war Opa geworden, und da war es doch gut für mein Karma, dass ich mich als Guide nützlich machen konnte. Er freute sich sehr auf seine Enkelin, und ich brachte ihn auf dem kürzesten Weg hin.

"Den Frauen gehört die Zukunft", sage ich am Schluss der Fahrt. "Genau", pflichtet er mir bei. Ich weiß schon, auch der folgende Satz könnte von Paulo Coelho sein, aber seine Herzens-Mathematik leuchtet in Winternächten unmittelbar ein: Die Dunkelheit ist halb so schlimm, wenn man zu zweit ist.