Den edelsten Geigenklang, den Wien am Donnerstagabend zu bieten hatte, erheischten vermutlich die Ohren im Wiener Konzerthaus. Superstar Joshua Bell spielte den Solisten-Part von Bernsteins "Serenade", begleitet von den New Yorker Philharmonikern, des aus der Sicht des Wiener Klassik-Publikums möglicherweise zweitbesten Großklangkörpers der Welt. Draußen vor dem Tore fiedelten Straßenmusikanten.

Joshua Bell hat sich vor ein paar Jahren derselben Übung unterzogen. In einer Washingtoner U-Bahn-Station umschmeichelte er verkleidet als Sandler die Fahrgäste mit seiner 300 Jahre alten Stradivari. Kaum jemand ließ sich verzaubern. Der Applaus-Orkan, mit dem ihn das Wiener Publikum auf der Bühne hielt, entsteht im warmen Klima der Konzertsäle. Wenn ein Genie aus diesem Rahmen fällt, ist es auch nur ein Straßenmusikant.