Wien. Mochovce, das ist eine unendliche Geschichte. Seit mittlerweile 35 Jahren wird an dem umstrittenen slowakischen Atomkraftwerk, das wegen mutmaßlicher Sicherheitsmängel von Umweltschutzorganisationen und von Österreichs Politik immer wieder kritisiert wird, gebaut. Der Reaktortyp stammt aus den 1970er Jahren, zu bauen wurde 1984 begonnen – zwei Jahre vor dem Super-GAU im damals noch sowjetischen und heute ukrainischen Tschernobyl.

Die politischen Umwälzungen durch das Wendejahr 1989, die auch die Wirtschaftsplanung betrafen, überlebte das Kraftwerksprojekt zunächst nicht: Im Jahr 1993 wurde beschlossen, den Bau zu stoppen. Ähnlich wie das AKW Zwentendorf blieb von dem stolzen Atommeiler nur eine Bauruine – im Gegensatz zu Zwentendorf allerdings eine unfertige.

Das änderte sich 1998, als man im Zuge der Privatisierung des staatlichen Stromkonzerns das unfertige AKW an ein italienisches Firmenkonglomerat verkaufte – verbunden mit der Auflage, man möge den Meiler wie geplant fertigbauen. Block 1 ging noch 1998 ans Netz, Block 2 im Jahr 2000 – an Block 3 und 4 wird immer noch gebaut.

Beängstigende Fotos

Und das möglicherweise nicht allzu umsichtig. Denn nur vier Monate, nachdem erste Berichte über Bau- und Sicherheitsmängel im neuen Reaktorblock 3 die Runde machten, dringen erneut Nachrichten über große Missstände auf der Baustelle des AKW Mochovce nach draußen. Ein ehemaliger Bauingenieur, der dort gearbeitet hatte, hat sich an Reinhard Uhrig, den Anti-Atomsprecher der Umweltschutzorganistation Global 2000 gewandt, um auszupacken. "Das ist im Fall Mochovce mittlerweile der vierte Whistleblower, mit dem ich gesprochen habe", sagte Uhrig zur "Wiener Zeitung".

Was der Ingenieur erzählt und in 600 Fotos dokumentiert hat, erweckt wenig Vertrauen in die Sicherheit des Atommeilers: Risse im Beton, Löcher in den Decken der Turbinenhalle, chaotisch verlegte und obendrein zu kurze Strom- und Kontrollkabel, unsachgemäße Schweißnähte und verformte Stahlträger sind auf den Fotos zu sehen.

Die Bilder hatte der ehemalige Facharbeiter, der anonym bleiben wollte, in den vergangenen zwei Jahren aufgenommen. Der Mann, der eigentlich die Sicherheitsvorschriften überwachen sollte, berichtete auch von groben Verstößen der Arbeiter und fehlender Koordination bei den Bauarbeiten im Reaktor 3. Mehrere Arbeiter seien entlassen worden, es kam zu groß angelegten Materialdiebstählen.

So habe er selbst ohne Probleme die Baupläne der gesamten Anlage entwenden können. "Alles war Pfusch", sagte der Bauingenieur im Radiosender Ö1. "Das kann man nicht einschalten, das ist eine Katastrophe!", fällt der Mann ein vernichtendes Urteil über das zumindest in Österreichs Öffentlichkeit, die spätestens seit dem Tschernobyl-Unfall äußerst AKW-kritisch eingestellt ist, mehr als ungeliebte Kraftwerk.

Nach eigenen Angaben hatte der Mann die Mängel immer wieder an die zuständigen Stellen weitergeleitet. "Er wurde, ganz wie die anderen drei Whistleblower, abgeschasselt. Die Atomaufsicht stellte sich gegenüber den Bedenken der Ingenieure taub", sagt Uhrig.

"Ein Lada mit Elektromotor"

Das AKW Mochovce ist freilich nicht nur ein alter Reaktor sowjetischer Bauart. Er wurde auch, worauf seine Befürworter hinweisen, mit modernen westlichen Sicherheitssystemen ausgestattet. Die slowakische Energiegesellschaft SE, die das Kraftwerk betreibt, weist in einer Broschüre auch auf die ökologischen Vorteile der Kernkraft hin – und darauf, dass die gemessenen Werte im Umkreis des Reaktors die offiziellen Grenzwerte unterschreiten.

Uhrig vertraut dem Meiler dennoch nicht: "Es ist ein bisschen wie bei einem Lada, in den ein Elektromotor eingebaut wird. Da kann man auch nicht sagen, das Auto hat alle Sicherheitsauflagen erfüllt." Er verweist darauf, dass Mochovce das weltweit einzige AKW-Bauprojekt ohne Containment ist, also ohne Sicherheitsbehälter. Der soll bei einem schweren Störfall die Kernschmelze auffangen und so die Umgebung eines AKW vor radioaktiver Kontaminierung schützen. "Der Meiler ist außerdem gegen Terroranschläge oder Flugzeugabstürze nicht gewappnet", sagt er.

Was eine mögliche Verhinderung des Baues betrifft, zeigt sich Uhrig optimistisch. "5,7 Milliarden Euro wurden bisher versenkt. Da ist es natürlich logisch, dass die drei Eigentümer – eine italienische Firma, die Slowakei und ein tschechischer Oligarch – das Geld nicht abschreiben wollen. Die internationale Prüfung der Anlage, die jetzt kommt, wird aber mit Sicherheit weitere Problemfelder aufzeigen. Das wird hunderte Millionen Euro kosten – und die Eigentümer streiten jetzt schon ums Geld. Es könnte also sein, dass das Ende des Projekts Mochovce ein Rechtsstreit sein wird", resümiert Uhrig. n