Paris. Mit lässigen Armbewegungen lässt der Bauarbeiter Wasser aus einem Schlauch auf den Steinboden brausen, um ihn zu reinigen. Er setzt dabei einen so unbeteiligten Gesichtsausdruck auf, als befände er sich nicht auf Frankreichs berühmtester Baustelle. Gelbliche Metallplanken sperren diese ab, über denen Stacheldraht angebracht ist. Nur auf Höhe des Haupteingangs gibt ein Gitter den Blick frei - auf den Arbeiter und seine Kollegen mit Bauhelmen auf dem Kopf, die miteinander diskutieren. Und auf den Haupteingang der Baustelle Notre-Dame.

Auf der anderen Seite der Metallstäbe sammeln sich Touristen, die versuchen, möglichst viel von der Kathedrale zu erhaschen. Von der berühmten Rosette, über der jetzt ein Loch klafft. Von den beiden Zwillingstürmen und den filigran ausgearbeiteten Figurenportalen - sie hielten dem verheerenden Brand am 15. April dieses Jahres stand. Anders als ein großer Teil des Dachs und das Balkengewölbe, das die Flammen auffraßen. Das ganze Ausmaß der Zerstörung ist aus der Distanz kaum zu ermessen. Aber Fotos zeugen vom demolierten Innenraum voller Schutt. Und vor allem die Videos vom Flammeninferno über der gotischen Kathedrale und von dem erschütternden Moment, als der schlanke Vierungsturm herabstürzte.

Schnell versprach Präsident Emmanuel Macron, die Kathedrale würde "noch schöner als zuvor" wieder aufgebaut - bis 2024, wenn Paris die Olympischen Spiele ausrichtet. Die Regierung lancierte einen internationalen Architekten-Wettbewerb zum Wiederaufbau des Spitzturms, der aus dem 19. Jahrhundert stammte. Gilt es, ihn mit etwas Zeitgenössischem zu ersetzen oder ihn identisch zu rekonstruieren? Während sich sowohl die Unesco, die Notre-Dame auf ihrer Weltkulturerbe-Liste führt, als auch die Mehrheit der Bevölkerung für deren authentischen Wiederaufbau ausspricht, machten Architektenbüros abenteuerliche Vorschläge - vom Glasdach bis zu einem Treibhaus. Derweil streiten die beiden Parlamentskammern über ein Gesetz, das Bauregeln, Umwelt- und Denkmalschutznormen aussetzen soll, um die Arbeiten zu beschleunigen.

Einbußen für Geschäftsleute

Etliche Architekten und Denkmalschützer kritisieren diese Eile. In einem offenen Brief riefen 1170 französische und internationale Persönlichkeiten dazu auf, "sich Zeit für die Diagnose zu nehmen und den Experten zuzuhören". Ohnehin muss zunächst das Ausmaß der Zerstörung durch das Feuer und das Löschwasser analysiert werden; parallel dazu laufen die Stützungsarbeiten, und der Abbau des vor dem Brand errichteten Baugerüsts mit seinen 50.000 Röhren steht an.