Kopenhagen. Der bekannte dänische Familientherapeut  und Bestsellerautor Jesper Juul ist am Donnerstag verstorben. Nach langer und schwerer Krankheit sei er am Donnerstag 71-jährig verstorben, wie das von ihm gegründete Elternberatungsprojekt "Familylab" mit mehreren Zweigstellen in vielen Ländern Europas auf Twitter mit Verweis auf Juuls Sohn Nicolai mitteilte. Er sei kurz zuvor wegen einer Lungenentzündung im Krankenhaus gewesen und friedlich entschlafen.

Jesper Juul hat die Welt in Erziehungsfragen praktisch auf den Kopf gestellt. Zahlreiche Eltern pilgerten zu seinen Vorträgen, um zu hören, dass Kinder keine Grenzen brauchen, sondern Beziehung zu ihnen – nicht die Konsequenz im Vordergrund stehen soll, sondern die Glaubwürdigkeit. Er distanzierte sich gleichermaßen von autoritärer Erziehung und demokratischen Erziehungsgrundsätzen und hielt den Begriff der Gleichwürdigkeit besonders hoch. Vor allem in der Blüte des antiautoritären Erziehungsstils stieß er damit auf breite Zustimmung. Doch die Umsetzung in vielen Elternhäusern stellte er Jahre später in Frage.


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"Über 20 Jahre lang habe ich geschrieben, dass Eltern wie Leuchttürme sein sollten: dass sie allein die Verantwortung für eine gesunde Beziehung zu ihren Kindern tragen. Ich habe jedoch merken müssen, dass ich falsch verstanden wurde. Der Begriff des Leuchtturms war wohl zu romantisch", erklärte Juul etwa im Jahr 2016 in einem Interview. Eines seiner letzten Bücher – "Leitwölfe sein" – sollte dieses Missverständnis aufklären. Dennoch distanzierte er sich weiter von einem autoritären Erziehungsstil, von Machtausübung und Gehorsam, forderte allerdings Führung seitens der Eltern ein.

Leuchtturm zu romantisch

"Leitwölfe fällen durchaus Entscheide. Sie stellen sich Konflikten. Doch genau das tun viele heutige Eltern nicht. Harmonie ist für sie ein Ausdruck von Liebe. Ein solches Verhalten kann schlimme Folgen haben. Die Kinder lernen nicht, wie man mit vermeintlich unerwünschten Emotionen umgeht. Weil sie ständig im Mittelpunkt stehen, wachsen sie mit überdimensioniertem Ego, aber ohne genügend Selbstwertgefühl auf", kritisierte der Familientherapeut etwa.

Vielmehr formulierte er vier Werte als Säulen im Zusammenleben: Gleichwürdigkeit, Integrität, Authentizität und Verantwortung. Wobei: Gleichwürdigkeit bedeutet nicht, dass die Führungsrolle zwischen Eltern und Kindern verteilt wird. Sie bedeutet vielmehr, dem Kind zu vermitteln, dass Menschen jeden Alters von gleichem Wert sind. Man respektiert gegenseitig die persönliche Würde und Integrität. Und das auch zum Wohlergehen der Familie. Er hat eine neue Elternidentität geschaffen. Eine, die Beziehungen in den Mittelpunkt rückt anstatt landläufige Erziehungstricks.

Bis zu seiner Erkrankung im November 2012 an Transverser Myelitis – eine Immunkrankheit, die ihn von der Brust abwärts lähmte – arbeitete er in neun Ländern. Nach eigenen Angaben hat er 40 Bücher in 29 Ländern auf 25 Sprachen veröffentlicht. Darunter Bestseller wie "Dein kompetentes Kind", "Nein aus Liebe" und "Leitwölfe sein".

Von den Eltern viel gelernt

Juul wuchs im dänischen Vordingberg auf. Nach dem Realabschluss flüchtete er regelrecht aus dem Elternhaus und fuhr als Jungkoch für eine Reederei zur See. Von seinen Eltern sagte er später, habe er viel gelernt. Vor allem, wie man es nicht machen sollte. Zur Familientherapie gelangte er über Umwege: Nach Jobs als Betonarbeiter, Tellerwäscher und Barkeeper studierte er Geschichte und Religion in Marselisborg. Nach dem Studium arbeitete er als Lehrer und Sozialpädagoge. Auf einem Kursus lernte er den US-Therapeuten Walter Kempler und den dänischen Kinderpsychiater Morgens Lund kennen, die seine Lehrer wurden.

Der Leitwolf ist tot. Sein Konzept wird wohl in vielen Familien weiterleben.