Santarem. Von Greta Thunberg hat Häuptling Mario Cardoso (50) noch nie gehört. Und mit der Jugendbewegung "Friday for Future" kann Walter Oliveira (23) vom Jugendkollektiv Patagônico nicht viel anfangen. "Kenne ich nicht", sagt der Umweltschützer. Ein paar Bootsstunden vom brasilianischen Santarem entfernt, wo der schlammige Amazonas mit dem kristallklaren, blaugrünen Wasser des Rio Tapajós zusammenfließt, bereiten sich rund hundert brasilianische Umweltschützer, Häuptlinge indigener Gemeinden und Menschenrechtsverteidiger auf den großen Klimakrieg um den Amazonas vor.

Es geht gelassen zu auf der Öko-Farm des auch mit deutschen Entwicklungsgeldern unterstützten Fort- und Weiterbildungsprojektes "Saude e Alegria" (Gesundheit und Freude). Hunde dösen in der Sonne, Küken tummeln sich im weitläufigen Hühnerstall unter freiem Himmel. Im Schatten der Bäume stehen weiße Holzkisten: eine Aufzuchtstelle für die stachellose Amazonas-Wildbiene.

Züge einer finalen Schlacht

Der junge Umweltaktivist Oliveira (Mitte) hat von Greta Thunberg und "Fridays for Future" noch nichts gehört. - © Käufer
Der junge Umweltaktivist Oliveira (Mitte) hat von Greta Thunberg und "Fridays for Future" noch nichts gehört. - © Käufer

Der Streit um die Zukunft des Amazonas-Regenwaldes ist mehr als der Kampf um Flächen für die Agrarindustrie. Es geht um die grüne Lunge der Erde und damit auch ums Weltklima. Die Lager sammeln Kräfte für eine Schlacht, die längst nicht mehr nur eine brasilianische ist, sondern auf eine global geführte Auseinandersetzung zuläuft, die Züge einer finalen Entscheidungsschlacht trägt: Stirbt der Amazonas, ist das Klima nicht mehr zu retten.

Auf dem Schlachtfeld mischen viele mit: Ausländische TV-Sender, internationale NGOs und europäische Regierungen kritisieren Brasiliens Agrarpolitik scharf. Demgegenüber steht Brasiliens Wunsch nach Wirtschaftswachstum, nationaler Souveränität und vor allem Chinas gigantischer Bedarf nach landwirtschaftlichen Produkten.

Für den rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro ist die bisweilen herablassende Berichterstattung aus Europa ein Anlass, sich als Opfer neokolonialen Gehabes zu inszenieren. Während Europa, das die Klimaschutzziele selbst verfehlt, mit seinen nicht selten oberlehrerhaft auftretenden Repräsentanten den moralischen Zeigerfinger hebt, kaum konstruktive Alternativen aufzeigt und damit die Fronten verhärtet, zahlt China und stellt keine Fragen. Die Volksrepublik ist mit rund 43 Milliarden Euro (2017) wichtigstes Exportziel brasilianischer Produkte.

Der Fluss färbt sich blutrot

Derweil ist die Symbolik europäischer Klimaaktivisten beim Treffen der Speerspitze des lokalen Umweltschutzes am Ufer des Tapajos noch nicht so richtig angekommen. Beim Mittagessen auf der Ökofarm kommen Fleisch und Fisch auf den Holztisch. Die bei Umweltaktivisten in Berlin und Stockholm hoch im Kurs stehende vegane Ernährung ist bei den Naturvölkern des Amazonas kein Thema. Hier sind Tiere auch zum Essen da, gegrillt, gekocht oder gebraten. Allerdings werden sie davor in ihrer natürlichen Umgebung belassen.