London. Harland and Wolff, das war einmal ein industrielles Prunkstück des Vereinigten Königreichs. Jahr für Jahr liefen in der einst größten Werft der Welt Ozeanriesen, Luxusliner und mächtige Kriegsschiffe vom Stapel. Doch nun dürften in Belfast schon bald endgültig die Lichter ausgehen. Harland and Wolff ist zahlungsunfähig und hat die Arbeit bereits eingestellt.

Einen Käufer für die Werft haben dessen norwegische Eigner zuletzt nicht mehr finden können. Die Konkursverwalter fahnden weiter in der leisen Hoffnung, dass ihre Suche noch "zu verlässlichen Angeboten führt". Der an der Suche beteiligte Ost-Belfaster Abgeordnete Gavin Robinson räumt aber ein, dass man sich "in einer sehr schwierigen Lage" befinde: "Einen Zauberstab" für die Rettung gebe es "leider nicht".

"Eine kommerzielle Frage"

Bis zuletzt hatte Großbritanniens Labour Party die Verstaatlichung des Unternehmens verlangt. Boris Johnsons Tory-Kabinett war dazu aber nicht bereit. Das Schicksal der Werft sei "letztlich eine kommerzielle Frage", betonte die Regierung immer wieder. Verbittert haben die letzten 130 Beschäftigten daher in den letzten drei Wochen die Werft besetzt. Ihre Aktion ist Ausdruck derselben zornigen Ohnmacht, die heute überall an der alten Industriefront Nordirlands herrscht. Denn auch die ehedem stolze Flugzeug-Produktion in der Provinz ist schwer ins Trudeln geraten. Und die Textilindustrie kränkelt schon seit langem vor sich hin. Zusätzliche Sorge schafft der immer näher rückende Austritt aus der EU. Sollte es im Oktober zu einem "No-Deal-Brexit" kommen, würde das Nordirland schwerer treffen als die anderen Teile des Königreichs. Darin sind sich die Experten beiderseits der Irischen See einig.

Mit begreiflicher Wehmut schauen viele in Nordirland daher zurück auf die Glanzzeit, die sie mit dem Namen Harland and Wolff verbinden. Noch vor hundert Jahren kam dieser Werft keine andere in der Welt gleich. 35.000 Beschäftigte hatte das Werk, als es die vielbewunderten, luxuriös ausgestatteten Überseedampfer für die legendäre White Star Line fertigte - die "Britannic", die "Olympic", die "Oceanic" und viele mehr.

Geradezu als Triumph britischer Seefahrts-Technologie wurde die im Mai 1911 vom Stapel gelaufene "Titanic" gefeiert - bevor sie im folgenden Jahr alle Welt in Schock und Horror versetzte, als sie mit mehr als 1500 Menschen in den Atlantik sank. Heute, mit dem nötigen zeitlichen Abstand, wird in Belfast darüber gerätselt, ob vielleicht auch Mängel bei der Fertigung der Bolzen für die Katastrophe verantwortlich waren. Verantwortlich für das Schicksal des Schiffs hat man sich in Belfast immer gefühlt.