Warschau/Wielun. (leg) Am 1. September 1939 um 4.40 Uhr brach in der friedlichen polnischen Kleinstadt Wielun die Hölle los. "Es war noch dunkel draußen. Ich wurde wach durch ein lautes Getöse, wie ich es noch nie gehört hatte", erinnert sich Zofia Burchacinska. Die 91-Jährige war damals elf Jahre alt, als die Bomben der deutschen Luftwaffe das benachbarte Krankenhaus in Schutt und Asche legten. In ihrem Haus bekam die Zimmerdecke Risse, die Fensterscheiben barsten.

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

Der lange Zeit nur wenig bekannte Angriff auf Wielun fand noch knapp vor den Schüssen des deutschen Linienschiffs "Schleswig-Holstein" auf die polnische Stellung Westerplatte bei Danzig statt. Er markierte damit den Beginn des verlustreichsten Krieges der Menschheitsgeschichte, des Zweiten Weltkrieges, der 55 Millionen Menschen das Leben kostete, 35 Millionen verwundete und unschätzbare Kulturgüter in Europa für immer zerstörte. Der Krieg machte es für die Nationalsozialisten auch leichter, ihr Vernichtungsprogramm an den europäischen Juden umzusetzen.

NS-Deutschland hatte den Kriegsbeginn minutiös vorbereitet. Nach dem Angriff in den Morgenstunden behauptete Reichskanzler Adolf Hitler, dass es reguläre polnische Soldaten gewesen seien, die "heute Nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium" geschossen hätten. In Wahrheit hatten SS-Soldaten in polnischen Uniformen einen Überfall auf den deutschen Sender Gleiwitz fingiert, was Hitler die Möglichkeit gab, zu verkünden: "Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!"

Die Revision des Versailler Friedensvertrags von 1919 und die Eroberung von "Lebensraum im Osten" hatte Hitler in seiner programmatischen Schrift "Mein Kampf" bereits in den 1920er Jahren als Hauptziel genannt. Entsprechend brutal war von Anfang an die Politik der Deutschen (und Österreicher) in jenem bislang hauptsächlich von Slawen und Juden bewohnten Osten, der von den deutschen Besatzern dazu ausersehen war, von Deutschen kolonisiert zu werden. Vertreter der polnischen Intelligenz wurden ermordet oder in Konzentrationslager verschleppt und zu Arbeitssklaven erniedrigt. Die zahlreichen polnischen Juden wurden in Ghettos zusammengetrieben, versklavt, dem Hunger ausgesetzt, erschossen oder in Gaskammern vernichtet.

Dabei war Polen der erste Staat, mit dem das isolierte NS-Regime in Deutschland normale Beziehungen pflegte. 1934 wurde ein Nichtangriffspakt abgeschlossen, in dem man vereinbarte, allfällige Grenzstreitigkeiten friedlich zu regeln. Der Vertrag wurde von Hitler im April 1939 allerdings aufgekündigt. Der "Führer" wollte den Anschluss der freien Stadt Danzig an Deutschland und einen Korridor zwischen Ostpreußen und dem restlichen Reichsgebiet. Dem widersetzte sich Polen. Außenminister Jozef Beck erklärte, Polen wolle keinen "Frieden um jeden Preis", es werde seine "Ehre" behalten. Im Glauben auf die Garantieerklärungen der Westmächte Großbritannien und Frankreich lehnte Polen auch eine sowjetische Garantieerklärung ab.

Sowjetische Massaker

Mit dem Hitler-Stalin-Pakt am 23. August war Polens Schicksal besiegelt. Dem Angriff der Wehrmacht folgte der der Roten Armee am 17. September. Die Westmächte, auf die sich Polen verlassen hatte, schauten zu, taten nichts. Das Land wurde abermals geteilt, auch die Sowjets verübten Verbrechen, etwa die Hinrichtung zehntausender polnischer Offiziere. Die Wunden des Zweiten Weltkriegs bluten in Polen noch.