Warschau/Berlin. Wer glaubt, dass Adolf Hitler nur hierzulande die wohl meistabgebildete Figur auf historischen und politischen Magazinen ist, der sollte ins geschichtsversessene Polen reisen. Es ist dort wohl unmöglich, eine Trafik zu betreten, ohne des Konterfeis des deutschen Diktators ansichtig zu werden. Und sollte Hitler tatsächlich einmal fehlen, springen Sowjetdiktator Josef Stalin oder, als Kontrastfigur, der britische Ex-Premier Winston Churchill ein. Nur noch Russlands Präsident Wladimir Putin ist ähnlich häufig auf Zeitschriftentiteln zu finden.

80 Jahre sind seit Kriegsbeginn vergangen, und doch ist die Zeit des Zweiten Weltkrieges im Gedächtnis des geschundenen Osteuropa stark präsent. Am Sonntag jährt sich der Angriff der deutschen Wehrmacht auf Polen. Er löste den Krieg aus, dessen Ausbruch - im Gegensatz zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 -alles andere als populär war.

An seinem Ende war Europa ein Trümmerhaufen, Millionen Menschen von den Deutschen und ihren Helfern ermordet und der Kontinent geteilt in Einflusssphären zweier Supermächte. Den Völkern Mittel- und Osteuropas, darunter auch (und gerade) den Polen, wurde gegen ihren Willen das kommunistische System oktroyiert. Sogenannte "ethnische Säuberungen", Grenzverschiebungen und Umsiedlungen brachten zusätzliches Leid über die Bevölkerung, rissen Wunden auf, die bis heute nicht verheilt sind. So wurden etwa die im früheren Ostpolen lebenden Polen - etwa aus Lemberg oder Wilna, Städte, die heute ukrainisch oder litauisch sind - in ehemals deutsche Städte wie Breslau umgesiedelt. Die Stadt heißt heute Wroclaw. Während des Krieges kam es außerdem zu Massakern ukrainischer Nationalisten an der ansässigen polnischen Bevölkerung im ehemals polnisch beherrschten Galizien und Wolhynien. An die 100.000 Polen wurden dabei ermordet, auch die Zahl der von Polen ermordeten ukrainischen Opfer geht in die Zehntausende. Die Ereignisse werfen bis heute einen Schatten auf das polnisch-ukrainische Verhältnis. Viele Polen, die im Grenzgebiet zur Ukraine wohnen, stehen ihren östlichen Nachbarn reserviert gegenüber.

Trauma Hitler-Stalin-Pakt

Noch größer ist allerdings ein anderes Trauma: Das des Hitler-Stalin-Paktes, der dem Angriff Deutschlands auf Polen vorausging. Er führte zur vierten und brutalsten Teilung Polens entlang der Flüsse Narew, Weichsel und San. Die enge Zusammenarbeit der Sowjets mit den Deutschen bis zu deren Angriff auf die Sowjetunion 1941, die gemeinsame Unterdrückung des polnischen Widerstandes ist vor allem in der nationalkonservativen polnischen Regierungspartei PiS alles andere als vergessen. Das zeigt sich auch am kommenden Sonntag beim Gedenken an den Weltkriegsbeginn: Während US-Präsident Donald Trump zum Gedenken in der Kleinstadt Wielun und Warschau ebenso eingeladen wurde (er wird nur wegen des Hurrikans "Dorian" nicht kommen) wie der deutsche Staatschef Frank-Walter Steinmeier und andere Staats- und Regierungschefs - aus Österreich wird Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka anreisen -, bekam Putin keine Einladung zugesandt. Als Grund gab Polen die Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland 2014 an. Es sei "unangemessen", einen Politiker an den Feierlichkeiten teilnehmen zu lassen, der sich "in dieser Weise" gegenüber dem Nachbarn Ukraine verhalte.

Moskau zeigt sich "fassungslos"

Das russische Außenministerium nahm mit "Fassungslosigkeit" zur Kenntnis, dass Warschau bei dem Gedenken nur an seine engen Verbündeten aus EU und Nato gedacht habe. Die Sowjetunion habe schließlich einen "entscheidenden Beitrag zur Niederlage des Hitler-Reichs und zur Befreiung Polens von den Nazi-Aggressoren geleistet".

Das ist zweifelsfrei richtig. Viele Polen erinnern sich aber auch an ein anderes Datum: An den 17. September 1939, als die Rote Armee überraschend die polnischen Grenzen überschritt - offiziell, um den Ukrainern und Weißrussen beizustehen. Und an die Erschießungen zehntausender polnischer Offiziere durch den Sowjet-Geheimdienst NKWD sowie die Verschleppungen vieler Polen nach Zentralasien. Und natürlich an die lange Zeit der Knechtschaft unter dem Kommunismus.

Demgegenüber sind die Wunden, die Deutschland Polen geschlagen hat, fast schon als verheilt zu bezeichnen. Aber eben nur fast: Polen beklagt, dass es bei den deutschen Reparationszahlungen gegenüber anderen Staaten wie Frankreich oder den Niederlanden benachteiligt worden sei und setzt das Thema Entschädigung wieder auf die Tagesordnung.