Eine Studenten-Wohngemeinschaft in der Hobrechtstraße in West-Berlin. Es ist der Abend des 9. November 1989, die Studenten der WG diskutieren über Zeichentheorie Roman Jakobsons, Thema eines Seminars an der Uni. Im Hintergrund läuft - wie fast jeden Abend - der linksalternative Szene-Sender Radio 100, am Herd köchelt ein Pasta-Gericht vor sich hin.

Plötzlich heißt es im Radio, dass die Mauer offen sei.

"Das müssen wir uns ansehen! Wir haben das Besteck schnell weggelegt", sagt der damalige Publizistik- und Geschichte-Student und heutige Kulturredakteur der Berliner "tageszeitung", Ulrich Gutmair, der erst zwei Wochen vor diesem denkwürdigen Abend nach Berlin übersiedelt war. Aufbruch zum nächstgelegenen Zonen-Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße: "Da waren gar nicht so viele Westberliner dort, ich dachte, viele sind wohl zum Brandenburger Tor. Aber es kam ein stetiger Fluss von Leuten durch den Checkpoint, die Westler standen Spalier, hatten Sektflaschen in der Hand und trommelten auf die Dächer der Trabis", erzählt Gutmair in einem Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

MiG-Flugzeuge aus Beständen der DDR-Volksarmee werden von Techno-Punks kurzerhand in die Innenstadt verfrachtet und als Kulisse genutzt. - © Ben de Biel
MiG-Flugzeuge aus Beständen der DDR-Volksarmee werden von Techno-Punks kurzerhand in die Innenstadt verfrachtet und als Kulisse genutzt. - © Ben de Biel

Gutmair blickte an diesem Abend, der in die Geschichte Deutschlands eingehen sollte, in die fassungslosen Gesichter von DDR-Bürgern, die zu Fuß oder im Trabant die Grenze überqueren. Er erinnert sich auch an einen Ostberliner Hippie mit langen Haaren und Parka, der Freunde im Westen besuchen will und nicht wusste, wie er hinkommt. "Wir haben uns das Treiben ein paar Stunden angeschaut, dann sind wir nach Hause gegangen. Wir dachten: Die Mauer ist doch jetzt offen, morgen geht es ja weiter."

DJs hinter den Plattentellern im von Ben de Biel gegründeten Club Maria. Ben de Biel war auch Mitbegründer der Clubs Ständige Vertretung, Eimer und Sänger der Electro-Punk-Band Elektronauten. - © Ben de Biel
DJs hinter den Plattentellern im von Ben de Biel gegründeten Club Maria. Ben de Biel war auch Mitbegründer der Clubs Ständige Vertretung, Eimer und Sänger der Electro-Punk-Band Elektronauten. - © Ben de Biel

"Berlin war vor dem Mauerfall eine Insel. Nur dass um diese Insel kein Meer drumherum war, sondern der Osten. Eine deutsche Insel, die aber nicht wirklich zu Deutschland gehört hat. Deutschland war damals eng und spießig. West-Berlin war klein, aber dort konnte man alternative Lebensentwürfe ausleben - gut geschützt von der Mauer", sagt Thomas Andrezak, besser bekannt als DJ Tanith. Tanith, der später einer der bekanntesten Techno-DJs Deutschlands werden sollte, hat es am 9. November nicht auf die Straße gezogen. "Im Fernsehen habe ich da zugeguckt, wie am Schöneberger Rathaus gefeiert wurde, den Jubel konnte ich von meinem Fenster hören."

Weil sich die Behörden an den Autowracks hinter dem Tacheles störten, wurden diese kurzerhand vergraben und zur Kunst erklärt. - © Ben de Biel
Weil sich die Behörden an den Autowracks hinter dem Tacheles störten, wurden diese kurzerhand vergraben und zur Kunst erklärt. - © Ben de Biel

Mit dem Mauerfall begann in Berlin das Zeitalter der temporären autonomen Zone. "Berlin bleibt Berlin. Das hat sich alles schnell wieder so entwickelt, als hätte man mit der Mauer zwei Organe getrennt. In dem Moment, wo die Trennung aufgehoben wurde, hat Berlin einfach dort weitergemacht, wo die Stadt mit der Machtergreifung der Nazis aufgehört hat", sagt DJ Tanith.

Mitarbeiterinnen des Underground-Lokals Eimer beim Kartenspielen, einem beliebten Zeitvertreib der Prä-Smartphone-Ära. - © Ben de Biel
Mitarbeiterinnen des Underground-Lokals Eimer beim Kartenspielen, einem beliebten Zeitvertreib der Prä-Smartphone-Ära. - © Ben de Biel