Das Wasser kam wie üblich über den Markusplatz. Als die Sirenen zum ersten Mal durch die Stadt heulten, war die Stimmung noch entspannt. Wenige Stunden später war es ganz anders, wesentlich bedrohlicher, und ungleich heftiger, als man sich die Situation zunächst hätte vorstellen können.

Schon den ganzen Dienstag über waren wenige Menschen in den Straßen Venedigs unterwegs. Es gab bereits die Tage davor Hochwasser und die bekannten Holzstege waren an den neuralgischen Punkten Venedigs aufgestellt worden. Einheimische und erfahrene Touristen waren an den Gummistiefeln zu erkennen, der Rest der Besucher lief mit einfachen Gummiüberziehern in knalligen Farben durch die Stadt. Zahlreiche Geschäfte waren geschlossen.

Der November als Renovierungsmonat ist ohnehin meist weniger geschäftig. Ein paar innerstädtische Außenstellen der Biennale versuchten, das Wasser des Vorabends wieder hinaus zu bekommen, was noch nicht ganz gelang. Über der Stadt der Geruch von reiner Luft, Wasser und schreiender Möwen. Alles in allem die Ruhe vor dem Sturm.

Wasser, Wind und Mond

Das Hochwasser kommt schnell, meist geht es auch rasch wieder weg. Und die Venezianer sind gut vorbereitet und tiefenentspannt, zumindest meistens. Die mobilen Barrikaden vor den Geschäften sind ein fixer Bestandteil des Stadtbildes. Und wer keine Gummistiefel besitzt, wird in ein paar Stunden hilflos versuchen, trockenen Fußes einen schützenden Flecken zu finden.

Wer mit dem Wasser lebt, kennt die Abläufe und Regeln. Ab 100 Zentimeter beginnt das Acqua-Alta-Spektakel, die Sirenen ertönen und das Leben geht weiter. Bis 140 Zentimeter ist es noch eher Unterhaltung oder lästige Eskapade der Natur. Doch wenn die Sirenen zum fünften Mal aufheulen, wird es ernst - das venezianische Warnsystem beginnt mit einem Signal bei 100 Zentimeter Wasserhöhe, danach kommt ein ansteigender Ton alle 10 Zentimeter dazu. In dieser Nacht waren es acht Nachfolgesirenen, auf 1,87 Meter über dem Meeresspiegel stieg das Hochwasser an. Das bange Warten, ob die 1,90 Meter überschritten werden würden, prägte die Nacht. Nur wenige Zentimeter unter dem Rekordwert von 1996, als das Wasser 1,94 Meter hoch in der Stadt anstieg, waren es am Ende.

Rund um den Markusplatz war da aber längst der Notstand ausgerufen worden, waren die Straßen leer. Vom Wind losgerissene Gondeln trieben durch den Canale Grande und einzig den Polizeibooten und Einsatzkräften waren die Wasserstraßen als Fahrbahn vorbehalten. In den anderen Stadtteilen, die vielfach von niedrigem Acqua Alta gar nicht betroffen sind, trafen sich die Hausbesitzer an ihren Türen. Wer konnte, hatte seine Wasserbarrikaden vor der Tür befestigt und wartete auf das Wasser. Die Pumpen liefen auf Hochtouren, ein letztes Aufbegehren der menschlichen Innovationskraft gegen die Kraft der Natur. Und kurz vor Mitternacht waren dann auch in den höher gelegenen Stadtteilen die mechanischen Schutzwände überflutet. Die Pumpen verstummten und das Wasser bahnte sich seinen Weg durch die Häuser.

"Apokalyptische Zerstörung"

Gespenstische Stille breitete sich aus. Und als dann auch noch der Strom in vielen Stadtteilen ausgefallen war, versank Venedig in einer unsagbaren, beängstigenden Stille. Ohne Strom kein Licht, so weit bekannt, aber auch viele Heizungen gehen nicht mehr. Hin und wieder blicken Menschen aus den Fenstern auf die überflutete Stadt. Es bleibt still, selbst für die Venezianer ist es in diese Nacht zu viel Wasser geworden.

Am nächsten Morgen sagt Luca Zaia, Präsident der Region Venetien, in einem Interview: "Wir sind mit einer totalen, apokalyptischen Zerstörung konfrontiert, und ich übertreibe nicht. Die Stadt steht zu 80 Prozent unter Wasser. Die Schäden sind unvorstellbar und beängstigend." Die Worte hören aber nicht alle Menschen in Venedig. Immer wieder fallen Strom und Internet aus. Es beginnen zaghafte Versuche, wieder Ordnung herzustellen, aber das Wasser steigt bereits wieder. Schulen und öffentliche Gebäude bleiben geschlossen.

Die Bilanz dieser Nacht ist eine erschreckende. Abseits von immensen Schäden an Bauwerken, kulturellen Schätzen und Privathäusern sind auch zwei Tote zu beklagen. Es war eine schlimme Nacht für die Stadt. Und es wird auch in den kommenden Tagen Hochwasser geben. Es ist immer noch still. Und es wird wieder diskutiert werden, über Hochwasserschutz und Finanzhilfe. Doch an Tagen wie diesen, mit Notstand und Ausgangssperre, wo man vom Dach aus versucht, nach anderen Menschen Ausschau zu halten, zählt das wenig. Man fragt sich einfach nur, ob es den anderen gut geht.