Für Luigi Brugnaro ist die Sache eindeutig. "Wäre das Mose-Projekt schon einsatzbereit gewesen, hätte die jüngste Katastrophe verhindert werden können", sagt der Bürgermeister von Venedig. Die vom außergewöhnlich starken Schirokko angepeitschte Sturmflut hätte die Lagune nicht erreicht, die am Mittwoch fast einen Meter hoch überflutete Markusbasilika und die prächtigen historischen Paläste in der Stadt wären abgesehen von ein paar kleinräumigen Überflutungen aufgrund des Starkregens weitgehend trocken geblieben.

Hinter der für "modulo sperimentale elettromeccanico" stehenden Abkürzung Mose verbergen sich 78 riesige Deich-Module, die bei drohendem Hochwasser die drei Eingänge der Lagune versperren können. Bei normalem Pegel liegen die bis zu 28 Meter hohen Elemente mit Wasser gefüllt auf dem Meeresgrund. Sobald das Wasser auf 110 Zentimeter über das normale Niveau steigt, wird Luft in die Tanks gepresst, sodass die grellgelben Klapp-Module sich aufrichten und den Adriawellen den Weg in die Lagune versperren.

Doch das gigantische Bauvorhaben, das Venedig vor dem in den vergangenen Jahren immer häufiger auftretenden "acqua alta" schützen soll, ist auch eine unendliche Geschichte. Bereits in den 1960er Jahren entstand, nachdem am 9. November 1966 eine Flut katastrophale Schäden in der Stadt verursacht hatte, die Idee für eine Deichanlage mit flexibel steuerbaren Elementen. Nach weiteren schweren Überschwemmungen gewann das Projekt an Fahrt, die Regierung in Rom erklärte die Rettung Venedigs schließlich zu einer Angelegenheit von nationalem Interesse.

Kritik von Umweltschützern

Erste Experimente fanden allerdings erst in den 1980er Jahren statt. Und bis zum tatsächlichen Baubeginn sollte noch einmal deutlich mehr als ein Jahrzehnt vergehen. Nach jahrelangen Streitereien über das Projekt legte der damalige Premier Silvio Belusconi schließlich im Jahr 2003 den Grundstein. So richtig vom Fleck kam Mose aber auch damit nicht. Die Fertigestellung wurde zunächst von 2011 auf 2014 verschoben, dann auf 2017 und schließlich auf 2021.

Verzögert wurde das Projekt nicht nur durch zahlreiche technische Pannen. 2014 flog auch ein massiver Schmiergeldskandal auf, bei dessen Aufarbeitung neben dutzenden anderen Politikern auch der damalige Venediger Bürgermeister Giorgio Orsoni festgenommen wurde.

In die Kritik geriet die Hochwasserschutzanlage, die statt der ursprünglich veranschlagten 1,6 Milliarden bereits 5,5 Milliarden Euro verschlungen hat, zudem wegen der mitunter problematischen ökologischen Folgen. So warnen Umweltschützer schon seit Jahren davor, dass die Lagune in den Hochwassermonaten fast ständig vom Frischwasser abgeschnitten wäre und sich dadurch rasch in eine Kloake verwandeln könnte, die Meeresbewohnern keinen Lebensraum mehr bietet.

Schon beim Start veraltet?

Als größtes Problem von Mose gilt allerdings, dass die Anlage möglicherweise schon bei ihrer Inbetriebnahme veraltet ist. Dabei geht es allerdings weniger um den Rost, der schon jetzt sichtbar an vielen der 78 Modulen nagt und für deutlich höhere Instandhaltungskosten sorgen dürfte als ursprünglich angenommen. Vielmehr befürchten einige Experten, dass die Ingenieure bei ihren Planungen von zu optimistischen Annahmen ausgegangen sind. Denn aufgrund des Klimawandels dürfte nicht nur die Zahl der Sturmfluten zunehmen, auch der Meeresspiegelanstieg in der Adria könnte in den kommenden Jahrzehnten deutlich höher ausfallen als jene 22 Zentimeter, die bei der Planung von Mose zugrunde gelegt wurden.

Aus Sicht von Bürgermeister Brugnaro ist die Deichanlage im Moment aber die einzige Lösung für Venedig. "Wir haben schon zu viel Geld ausgegeben, und es sind schon zu viele Jahre seit Beginn der Arbeiten vergangen", sagt Brugnaro. "Jetzt muss dieses System endlich starten."