Es ist überraschend, wie schnell ein Ausnahmezustand Alltag werden kann. Auch an Tag 4 nach dem Rekordhochwasser ist die Situation in Venedig angespannt, aber einem strengen Ritual unterworfen.

Der Markusplatz gehört den Möwen. Er bleibt auch bei den Touristen das beliebteste Fotomotiv.  - © APAweb / reuters / Manuel Silvestri
Der Markusplatz gehört den Möwen. Er bleibt auch bei den Touristen das beliebteste Fotomotiv.  - © APAweb / reuters / Manuel Silvestri

In der Nacht wecken einen die Sirenen, wie immer mit der Ankündigung, dass das Hochwasser sehr hoch werden wird. Nach und nach werden in allen Stadtteilen die Wasserpumpen angeworfen. Wer hat und mag, zieht seine Fischerhose an und geht ins überflutete Erdgeschoss. Auch der Anteil an Taucheranzugträgern wächst. Die Fenster in den oberen Stockwerken werden geöffnet, sofern man nicht das Pech hat, in einem ausgestorbenen Touristenviertel zu wohnen. Wenn die Hausbesitzer da sind, kann man dann den wesentlichen und wichtigen Fragen des Tages lauschen: Welche Geschäfte haben geöffnet, was gibt es zu essen?

Fotostrecke 9 Bilder

Höchststand um 11.30 Uhr

Der Höhepunkt des Hochwassers ist in den letzten Tagen stets um 11.30 erreicht worden. Dann beginnt sich das Wasser ebenso geräuschlos zurückzuziehen, wie es gekommen ist. Und bis man Haus oder Hotel halbwegs trocken verlassen kann, dauert es noch einige Stunden. In der Stadt unterwegs sein, ist auf wenige Stunden beschränkt. Vor 14 Uhr macht es wenig Sinn, um 17 Uhr wird es schon wieder dunkel. Das Leben in Venedig besteht in dieser Zeit fast nur aus Aufräumen.

Die Straßen sind angefüllt mit Müllsäcken. Viele Jugendliche - die Schulen sind seit Tagen geschlossen - räumen die Straßen frei. Gespenstisch, wenn entsorgte venezianische Masken aus den überfüllten Mistkübeln in die Gesichter der Passanten blicken oder kiloweise nasse Bücher zum Trocknen vor den Geschäften ausgelegt werden. Dazu kommt das Geräusch der Wasserpumpen, das man nach dem stundenlangen Laufen  irgendwann schon nicht mehr hört oder sogar schon vermisst, wenn es mal kurze Erholungspausen gibt.

Es herrscht eine interessante Stimmung in der Stadt, gekennzeichnet durch das bange Warten auf Normalität. Trotz allem Fatalismus trotzt die Stadt dem Wasser. Die Nahversorger halten ihre Geschäfte jedoch geschlossen, frisches Brot ist kaum erhältlich. Ein paar kleine Bars haben geöffnet. Ein Espresso an der Bar zwischen Hochwasser und Wasserpumpen bietet eine willkommene Erholung. Vor einigen Stunden war in einigen Zeitungen noch zu lesen, dass man das Ausbleiben der Touristen fürchte, und es somit neben den Hochwasserschäden noch weitere finanzielle Verluste gäbe. Es mag zwar stimmen, doch muss man sich schon ernsthaft fragen, was bitte sollte man dieser Tage in Venedig machen?