Dass eine Zunahme von Hochwasserereignissen mit dem Klimawandel zusammenhängt, ist der Wissenschaft schon länger klar. Eine große internationale Studie von 35 Forschungsgruppen unter Führung des österreichischen Experten Günter Blöschl von der TU Wien hat nun handfeste Belege dafür gefunden. Dazu wurden die Daten von 3.738 Hochwassermessstationen aus ganz Europa aus dem Zeitraum von 1960 bis 2010 ausgewertet. Die Ergebnisse wurden nun im Fachjournal "Nature" publiziert. Der am Projekt beteiligte Senior Scientist Jürgen Komma vom Institut für Wasserbau und Ingenieurhydrologie erläutert sie im Interview.

"Wiener Zeitung": Der Klimawandel beeinflusst die Häufigkeit und Intensität von Hochwasserereignissen. Wie lässt sich der Beweis dieser These in wenigen Sätzen zusammenfassen?

Jürgen Komma: Wir haben Messungen der Wasserstände der Flüsse in den vergangenen 50 Jahren an mehreren tausend Stellen in Europa ausgewertet, und gleichzeitig auch ähnliche Messungen für Niederschlag, Lufttemperatur, Bodenfeuchte und Schneeschmelze. Mithilfe dieser umfangreichen Datenanalysen konnten Hochwassertrends für unterschiedliche Regionen identifiziert werden.

Die Studie hat auch gezeigt, dass in Nordwesteuropa die Hochwasserereignisse immer schwerer werden, in Südeuropa und in Osteuropa eher weniger. Warum?

Die Schlechtwettersysteme, die über den Atlantik nach Europa kommen, ziehen jetzt weiter in den Norden, dadurch erhält Nordwesteuropa mehr Niederschlag und Südeuropa weniger. In Osteuropa ist weniger Schnee verfügbar, daher ist die Schneeschmelze aufgrund der höheren Lufttemperaturen geringer.

Nimmt für die Küstenregionen, abseits der langfristigen Gefahr steigender Meeresspiegel, auch sonst die Überflutungsgefahr zu?

Das jüngste Hochwasser in Venedig haben starker Wind und Regen ausgelöst. Die Gefahr hängt davon ab, in welcher Region Europas sich die jeweilige Küste befindet. In Nordwesteuropa ist eine Zunahme zu erwarten, in Südeuropa eine Abnahme.

Für welche Regionen im Binnenland Österreich sehen Sie anhand der Daten die deutlichste Zunahme in Bezug auf Überflutungsrisiken?

Hier stellt der Alpenhauptkamm eine Trennlinie dar. Sowohl historisch als auch in die Zukunft geblickt ist die deutlichste Zunahme nördlich des Alpenhauptkammes zu verzeichnen beziehungsweise zu erwarten.

Gibt es Regionen beziehungsweise einzelne Orte, in denen eine einstige Gefahr langfristig gebannt werden konnte? Wo es also heute kein Hochwasser mehr gibt im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten im Messzeitraum?

An dieser Stelle sind Schutzmaßnahmen durch den Menschen anzuführen. Lokal hat der Hochwasserschutz an vielen Flüssen Österreichs zu einer Verringerung des Risikos geführt. Beispielsweise traten im Juni 2013 in Wien kaum Schäden auf, während noch im Sommer 1954 bei einer vergleichbaren Größenordnung des Hochwassers der Schaden groß war.