Viel ist im Vorfeld der Wahlen zum britischen Unterhaus am nächsten Donnerstag vom "roten Wall", fernab Westminsters, die Rede. Gemeint sind damit die alten Industriegebiete der Midlands und Nordenglands, die sich vom Vale of Clwyd im Westen bis nach Great Grimsby im Osten ziehen - und in denen traditionell "rot", also Labour, gewählt wird. Mit Problemen haben Labour-Strategen in diesen vielfach vom Niedergang gezeichneten Regionen ja schon seit langem zu kämpfen. Der Brexit aber hat ihre Probleme noch einmal massiv verstärkt.

Er hat alte Loyalitäten zerstört und neue Interessenslagen geschaffen. Denn viele Wähler, die hier zuhause sind, haben beim EU-Referendum von 2016 für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt.

Sie bestehen oft leidenschaftlich auf dieser Abkoppelung von Europa. Und weil den Betreffenden die Haltung "ihrer" Labour in dieser Frage "zu lasch" ist, droht dem Wall bei der kommenden Wahl ernster Schaden - sehr zur Freude von Boris Johnson natürlich, der den Brexit nur einfach "über die Bühne bringen" will.

Die Labour-Bastion wackelt

Im alten Fischereihafen Grimsby zum Beispiel, wo 75 Prozent der Bevölkerung für den Brexit stimmten, muss die Labour-Abgeordnete Melanie Onn fürchten, dass ihr ihre konservative Rivalin Lia Nici am 12. Dezember das Mandat abnehmen wird.

Es wäre eine historische Zäsur. Labour hat Grimsby seit einem Dreivierteljahrhundert ununterbrochen gehalten. "Selbst einen bunten Hund" hätten die Leute in der Vergangenheit in Grimsby gewählt, solange er eine Labour-Rosette getragen hätte, spottet man hier.

Nigel Farage ist stets dort anzutreffen, wo für seine Brexit Party die meisten Stimmen zu holen sind. In der vom Niedergang gezeichneten Hafenstadt Grimsby buhlt er um die Enttäuschten. - © APAweb / AFP / Parnaby
Nigel Farage ist stets dort anzutreffen, wo für seine Brexit Party die meisten Stimmen zu holen sind. In der vom Niedergang gezeichneten Hafenstadt Grimsby buhlt er um die Enttäuschten. - © APAweb / AFP / Parnaby

Aber wie in so vielen anderen "Working-Class"-Bezirken tut es ein bunter Hund nicht mehr. Im Mai hat Labour bereits Grimsbys Gemeinderat an die Tories verloren. Und jetzt ist also Melanie Onn in Bedrängnis, die jüngst mit Blick auf das drohende Wahldebakel im Unterhaus für Johnsons Brexit-Deal gestimmt hat, obwohl sie eigentlich nichts vom Brexit hält.

Wenig Sympathie mit Labour zeigen denn auch einzelne "Grimbarians", mit denen man im Zentrum Grimsbys über einem wärmenden Kaffee ins Gespräch kommt. "Wie soll man denen denn glauben? Hören die überhaupt auf uns?", wird immer wieder gefragt.

Den Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn finden seine Kritiker in Grimsby einen "abgehobenen Londoner", der letztlich nicht begreift, worum es geht und was Sache "hier im Norden" ist. Auch der Zuzug "all der Osteuropäer" nach Grimsby in den letzten 15 Jahren ist für viele, die den Mangel an Jobs vor Ort beklagen, "ein echtes Problem".