Kaum ein Ort in der Ukraine ist weiter entfernt vom Krieg in der Ostukraine als der verschlafene, malerische Ort Berehomet am Fuße der Karpaten. Berehomet liegt weit im Westen des Landes, die nächste größere Stadt ist Czernowitz, wo bis heute noch ein Hauch von Donaumonarchie zu spüren ist. Nach Wien sind es von hier nur etwas mehr als 650 Kilometer Luftlinie, während die Kontaktlinie, wie man die gefährliche Grenze zwischen der Ukraine und dem Separatistengebiet nennt, fast 1000 Kilometer von Berehomet entfernt ist. Doch während im Osten der Ukraine die politischen Probleme Europas wie in einem ein Brennglas fokussiert werden - die Mächtekonkurrenz zwischen der Europäischen Union und Russland - werden im Westen der Ukraine die zukünftigen sozialen Herausforderungen des Kontinents sichtbar.

In Berehomet ist niemand mehr da, der sich um die Alten kümmert.

Die Jüngeren versuchen ihr Glück in den Großstädten des Landes oder gehen ins Ausland. Aus der Region Czernowitz gehen viele nach Rumänien, Ungarn, in die Slowakei oder nach Polen, um dort jene Arbeitskräfte zu ersetzen, die aus diesen EU-Ländern des Ostens in die westlichen EU-Länder gezogen sind. Die Alten bleiben in ihren Dörfern zurück und landen dann an Orten wie dem Altenheim von Berehomet.

So wie Anastasia und Maria. Die beiden Frauen haben aber Glück: Sie sind - verglichen mit anderen Heimbewohnern - bei relativ guter Gesundheit und haben sich auch ihren Humor bewahrt. Als Josef Schmoll, Präsident des Niederösterreichischen Roten Kreuzes bei einer Visite des Heims die beiden Frauen besucht, schlagen sie mit einem verschmitzten Lächeln vor, mit ihm nach Österreich zu kommen. Die beiden hätten es doch am Herzen und in Österreich soll es wunderschön sein und dort könne man ihnen auch mit den Herzbeschwerden besser helfen. Schmoll scherzt mit dem beiden, wird nach dem Gespräch aber rasch wieder ernst.

Mit mobilen Kliniken stellt das Rote Kreuz die Gesundheitsversorgung.
Mit mobilen Kliniken stellt das Rote Kreuz die Gesundheitsversorgung.

Das Rote Kreuz müsse in der Ukraine dringend Hilfe leisten, sagt Schmoll: "Es ist für uns nicht vorstellbar, dass es in einer Pflegeeinrichtung dieser Art kein einziges Pflegebett gibt, dass die Decken so dünn sind, dass sie die Köperwärme nicht halten können und dass Rollstühle fehlen und die älteren Menschen nicht einmal an die frische Luft können.

Alexej Skalivenko hat mit sich mit einer Subvention des Roten Kreuzes eine neue Existenz aufgebaut. - © Thomas Seifert
Alexej Skalivenko hat mit sich mit einer Subvention des Roten Kreuzes eine neue Existenz aufgebaut. - © Thomas Seifert

"Meine Tochter ist im Ausland und ich bin auf das Altenzentrum in Berehomet angewiesen. Gäbe es das nicht, dann hätte ich keine Möglichkeit, Unterstützung und Betreuung zu bekommen, weil sonst ja niemand von meiner Familie mehr da", sagt Frau Anastasija. Ab und zu würde die Tochter Geld schicken und Frau Anastasija freut sich auf die regelmäßigen Telefonate mit ihrer Tochter - aber die könnten freilich den persönlichen Kontakt nicht ersetzen. Ihre Tochter fehlt ihr, sagt Frau Anastasija.

Das Rote Kreuz unterstützt Familien in den Krisenregionen der Ostukraine mit Winterhilfe. - © Thomas Seifert
Das Rote Kreuz unterstützt Familien in den Krisenregionen der Ostukraine mit Winterhilfe. - © Thomas Seifert

Mobile Kliniken für die Altenbetreuung

Schauplatzwechsel: Ostukraine. Ärztin Maria Philipova ist mit ihrer 63-jährigen Patientin Nadja gar nicht zufrieden. Frau Nadja kommt seit drei Jahren in ein Vereinslokal in Nelipiwka, wo in einem Vereinslokal einmal im Monat eine mobile Klinik eingerichtet wird. Der Blutzuckerwert der Frau ist hoch - sehr hoch sogar - 17,7 mmol/l, ihr Blutdruck mit 200:100 ebenfalls. In der Klinik wird Frau Nadja untersucht und sie bekommt gratis die Medikamente, die sie benötigt. Frau Nadja, die 35 Jahre ihres Lebens für die staatliche Eisenbahngesellschaft gearbeitet hat, erzählt, dass sie allein in der Nähe von Nelipiwka lebt, die beiden Töchter - 30 und 35 Jahre - wohnen im rund 30 Kilometer entfernt gelegenen Kostantiniwka.

Mit mobilen Kliniken stellt das Rote Kreuz die Gesundheitsversorgung. - © Thomas Seifert
Mit mobilen Kliniken stellt das Rote Kreuz die Gesundheitsversorgung. - © Thomas Seifert

Nelipiwka liegt rund 65 Kilometer von der ost-ukrainischen Stadt Donetzk entfernt, zur sogenannten Kontaktlinie sind es nur ein paar Kilometer nach Osten. An dieser Kontaktlinie stehen einander ukrainische Truppen und von Moskau unterstützte Separatisten gegenüber. Seit 2014 wird dort gekämpft und in Nelipiwka hört man jeden Tag im Osten die dumpfen Einschläge von Granaten und Gewehrfeuer. Kein Wunder, dass Frau Nadja hohen Blutdruck hat.

Und wie Frau Nadja, sind fast nur mehr ältere Menschen in Nelipiwka. Schon vor dem Krieg sind die jüngeren auf der Suche nach Arbeit und besseren Lebenschancen von Nelipiwka weggezogen - nach Donetzk, Karkiw, Dnipropetrowsk, Kiew oder ins Ausland. Mit Beginn des Krieges hat sich dieser Trend verschärft: Wer konnte, hat seine Sachen gepackt, denn wer lebt schon gerne in der Nähe einer Frontlinie, an der jeden Tag gekämpft wird?

In Zolotoe - nicht weit von Nelipiwka - ist ein zweites Ärzte- und Sanitäter-Team des Roten Kreuzes unterwegs. Wie ihre Kollegen in Nelipiwka haben die Rot-Kreuz-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein EEG zum Herzmonitoring mitgebracht, Ultraschall und Geräte zur Messung von Blutzucker und Blutdruck. Der Warteraum ist voll mit Pensionistinnen und Pensionisten und wie Nelipiwka ist auch Zolotoe nicht weit von der Kontaktlinie entfernt.

Die Patientengeschichten sind recht typisch für die Altersgruppe der Menschen, die zur mobilen Klinik kommen. Maria, 76 Jahre: hoher Blutdruck, immer wieder Probleme mit Nierensteinen. Bei Raisa wurde schon vor einiger Zeit Diabetes diagnostiziert. Luda Dochnur, 69 Jahre, kommt regelmäßig zur mobilen Klinik - hoher Blutdruck, Probleme mit dem Blutzuckerspiegel. Marina, 76 Jahre, hat Probleme mit dem Herzen, hohen Blutdruck und wiederkehrende Nierenprobleme. Ein älterer Herr - Arzt Georgy Bistrow kennt ihn schon - zeigt seine Krankenakte: Der Mann hat jahrelang in den Kohlegruben der Region gearbeitet und leidet - wie viele seiner Bergarbeiterkollegen, die unter Tage gearbeitet haben - an einer Staublunge. Die Therapiemöglichkeiten sind allerdings bei dieser Berufskrankheit beschränkt, erklärt der Arzt.

Arzt Bistrow erzählt, dass er immer noch überrascht davon ist, wie die älteren Menschen auf den Ausbruch des Krieges reagiert haben. "Die Älteren waren robuster, stärker. Bei jüngeren Leuten und Menschen im mittleren Alter haben wir ein erhöhtes Auftreten von Herzproblemen und seelischen Schwierigkeiten festgestellt", sagt Bistrow. Der Arzt hat einiges erlebt in diesen Jahren, seit 2014 der Krieg übers Land gezogen ist.

2014 war er Chef der Unfallabteilung des Spitals in Stanyzja Luhanska. 800 Soldaten wurden damals dort behandelt. "Wir hatten weder ausreichende medizinische Ausrüstung, noch hatten wir genügend Medikamente", sagt er. Doch die Erinnerung an diese "schlimme Zeit", das ist als wären diese hinter einer Nebelwand und er müsse sich sehr bemühen, einzelne Episoden aus dieser Zeitperiode hervorzukramen, sagt er. Ab 2015, als er ins Team der mobilen Klinik einstieg, ist seine Erinnerung wieder viel deutlicher, lebendiger, konkreter. Bistrow erzählt etwa eine Episode, als bei der Fahrt zu einer Mobilklinik eine junge Frau im Teenager-Alter über das Geländer einer Brücke geklettert sei, um in den Tod zu springen. Bistrow ließ das Ambulanz-Fahrzeug anhalten und das Team näherte sich ganz vorsichtig der Lebensmüden. Bistrow und seinen Kollegen, gelang es, die junge Frau vom Todessprung abzubringen. "Sie kletterte wieder über das Brückengeländer zurück in Sicherheit und wir nahmen sie ins Spital mit", sagt er. Er würde immer wieder von der jungen Frau hören - zuletzt hat er Nachricht bekommen, dass sie stabil sei. Ein Leben zu retten - so etwas vergisst man nicht.

Winterhilfe für die Menschen an der Kontaktlinie

Doch die Hilfe des Roten Kreuzes in der Ostukraine kommt nicht immer in Gestalt eines Arztes oder einer Sanitäterin. Das Rote Kreuz hilft Menschen in der Krisenregion, über den Winter zu kommen.

Das Haus der 24-jährigen Lina Karitina - es ist nur rund 10 Kilometer von der Kontaktlinie entfernt - wurde durch einen Granattreffer vor fünf Jahren beschädigt. Die Lokalverwaltung hat ihr damals geholfen, neue Fenster zu beschaffen, doch das alte Haus ist mangels Isolation ziemlich zugig.

Lina Katarina ist eine von fast 3,5 Millionen Menschen in der Ukraine, die auf Unterstützung angewiesen sind, und eine von rund 600.000 Menschen, die entlang der Kontaktlinie, die das von der Regierung kontrollierte Gebiet und jenes der Separatisten trennt, leben.

Wären nicht regelmäßig Schießereien zu hören, dann wäre es im Garten des Hofs von Frau Karitina beinahe idyllisch. Ein bellender Hund, gackernde Hühner, ein krähender Hahn und schnatternde Gänse.

Doch der Hof wirkt verlassen, die ehemaligen Bewohner sind in alle Himmelsrichtungen zerstreut: Die Eltern haben das Dorf verlassen und leben in Kiew, ihre insgesamt sieben Brüder und Schwestern sind nach Kramatorsk gezogen, nur mehr sie selbst ist mit ihren Söhnen Anton und Maxim im elterlichen Haus. Von den Verwandten traut niemand sich hierher zurück - es sei zu gefährlich, sagen sie zu ihr. So wie Lina Karitinas Verwandte denken die meisten Menschen hier: Von den 255 Häusern im Dorf sind nur mehr 17 bewohnt, der Rest der Menschen ist von hier fort.

Unternehmer dank des Roten Kreuzes

Ein weiteres Element der Rot-Kreuz Unterstützung ist es, Menschen dabei zu helfen, wieder eine neue Existenz zu gründen: Einer der Nutznießer dieses Programms ist der 41-jährige Alexej Skalivenko. Alexej wurde bei einem Unfall am Rückgrat verletzt. Seinen Job als Bauarbeiter konnte er seitdem nicht mehr ausüben. Alexejs Sohn leidet an spastischer Lähmung, seine Frau und er haben auch noch eine zweieinhalb Jahre alte Tochter.

Auf den Sohn ist Alexej stolz: Der 16-Jährige bewährt sich bei den Paralympics als Sportler. Das Rote Kreuz hat Alexej mit einer finanziellen Starthilfe (rund 1000 Euro) ausgestattet, damit er sich mit einem kleinen Unternehmen selbständig machen kann. In einer kleinen Garage im Hinterhof einer Plattenbausiedlung in Sewerodonetsk hat Alexej eine kleine Werkstatt eingerichtet. Der Handwerker repariert hier alles, was ihm seine Kunden bringen: hauptsächlich Küchengeräte. In der Garage steht eine reparaturbedürftige Kaffeemaschine und ein Küchen-Mixer. Freilich: Viel Geld ist mit den Kunden in Sewerodonetsk nicht zu verdienen, denn die meisten Menschen hier wissen nicht, wie sie mit ihrem Geld bis zum Monatsende auskommen sollen. Aber die Dinge bei ihm in Reparatur geben, sei immer noch billiger, als neue Geräte zu kaufen. So komme Alexej über die Runden.

Das Leben von Lena und Dimitri Wstowitsch wurde durch den Krieg ebenfalls auf den Kopf gestellt. Dimitri hat vor dem Krieg als IT-Ingenieur im Flugwesen gearbeitet, jetzt produziert er gemeinsam mit seiner Frau Lena Ziegenkäse. "Meine Frau ist von hier, daher habe ich mich umorientiert", sagt Dimitr. Im Stall stehen drei Ziegen, die Milch produzieren und vier weitere, die noch zu jung sind, um Milch zu geben. Daher reicht die Produktion derzeit gerade, um genügend Milch für die Familie (Dimitri und Lena haben vier Kinder im Alter von vier bis 13 Jahren) zu haben und daneben ein wenig Käse zu produzieren. "Mein neuer Job als Bauer ist nicht so toll wie der eines Softwareingenieurs, dafür bin ich viel an der frischen Luft", sagt Dimitri mit einem undurchschaubaren Lächeln auf den Lippen.