Ein Staatsstreich?

Heute, 30 Jahre danach, wird der Ereignisse mit einem Freiheitsmarsch gedacht. Mehrere hundert Menschen marschierten am vergangenen Wochenende mit Fackeln und Flaggen durch Temesvar, der Zug bewegte sich zu der Kirche, wo einst Pastor Tökes gepredigt hatte.

Daneben werden Fragen gestellt, die immer noch einer Antwort harren. Offen ist, ob es sich bei der Revolution 1989 wirklich um eine spontane Volkserhebung gehandelt hat - oder um einen von langer Hand geplanten Staatsstreich. Ungeklärt ist, ob die Straßenkämpfe von bestimmten Drahtziehern inszeniert wurden oder ob sie wirklich ein Selbstläufer waren.

Die rumänische Staatsanwaltschaft hat Ion Iliescu angeklagt, der an der Spitze der "Front zur Nationalen Rettung" (FNR) im Dezember 1989 die politische Führung Rumäniens übernahm, für die vielen Toten verantwortlich zu sein. Mitbeschuldigt werden drei weitere Akteure.

Der Vorwurf lautet, dass der langjährige KP-Apparatschik mit einer umfangreichen Kampagne der Desinformation über angebliche Ceausescu-treue "Terroristen" die bürgerkriegsähnlichen Zustände provoziert hat, um sich in den Augen der Bevölkerung Legitimität zu verschaffen. Neben Iliescu wurden der damalige stellvertretende Regierungschef Gelu Voican-Voiculescu und die pensionierten Militärs Iosif Rus und Emil Dumitrescu angeklagt. Sie sollen die vielen Toten mit auf dem Gewissen haben. Iliescu, er ist mittlerweile 89 Jahre alt, bestreitet die Vorwürfe.

Bis dato hat sich die Hoffnung, dass die rumänische Justiz Licht ins Dunkel bringen würde, nicht erfüllt. Viele der Strafverfahren, mit denen die Täter für die zahlreichen Revolutionstoten ermittelt werden sollten, verliefen im Sand oder sind noch immer nicht abgeschlossen.

Es herrscht einiges an Galgenhumor über den 1989er-Aufstand. Einerseits reden die Rumänen heute noch von einer Revolution. Andererseits wird nicht von einer spontanen Volkserhebung ausgegangen, weil das den meisten obskur vorkommt. Für viele sind die Ereignisse des Dezember 1989 ein Umsturz, der doch keine richtige Revolution war.

Ein Teil der Ex-KP-Granden hat heute noch Einfluss auf die Geschicke des Landes und lebt in Wohlstand, zu dem sie durch dubiose Geschäfte gelangt sind. Korruption und undurchsichtige Verflechtungen dominieren den Alltag in Rumänien. Brüssel bescheinigt dem Rechtsstaat des EU-Mitglieds erhebliche Defizite und bezeichnet die Entwicklung des Jahres 2019 als "besorgniserregend". Anstatt einzulenken, verschärft Bukarest die Lage jedoch und lockert das Korruptionsstrafrecht.