So eigenartig giftig-gelbe Wolken wie an jenem Abend des 15. April 2019 hatte Iris Hollweg noch nie zuvor gesehen. Tief am Himmel standen diese Wolken, als die in Paris lebende Deutsche mit ihrer Tochter Antonia von einem Spaziergang durch den Park Jardin du Luxembourg zurückkehrte. "Wir fragten uns, woher diese Wolken und der Rauch kamen, der nach unten drückte." Waren es Farbenspiele am Himmel? Handelte es sich um einen Anschlag? Oder um einen Brand? "Irgendwann bekam ich eine dumpfe Vermutung, als ich jemanden beim Vorbeigehen auf der Straße ‚Notre-Dame‘ sagen hörte . . .", sagt Hollweg.

Auf der Suche nach Antworten gingen die beiden Frauen weiter, den Boulevard Saint-Germain entlang in Richtung Seine, und stellten sich dort in eine kleine Gasse, von der aus sich der freie Blick auf Notre-Dame bot - und ein schockierendes Bild: "Ich habe noch nie so große Flammen gesehen. Einmal in Australien bekam ich von weitem Waldbrände mit, aber das war nicht dasselbe."

Passanten schlugen die Hände vors Gesicht und weinten. Zugleich blieb die Menge ganz still, als hätten alle gleichzeitig den Atem angehalten. Laut, so erinnert sich die 54-Jährige, war nur das Verbrennen des Balkenwerks aus dem 13. Jahrhundert. Irgendwann krachte der Spitzturm ins Innere der Kathedrale - da stöhnten die Menschen auf. Später am Abend traf Hollweg im Umkreis der Kathedrale immer wieder auf Gruppen von Menschen, die Kirchenlieder sangen.

Gespenstische Leere im Innenraum der Kathedrale

Notre Dame wird noch lange eingerüstet bleiben. - © apa/afp/Philippe LOPEZ
Notre Dame wird noch lange eingerüstet bleiben. - © apa/afp/Philippe LOPEZ

"Es war sehr ergreifend", schildert Hollweg. "Notre-Dame lag im Dunkeln. Nur manchmal sprangen Glutfunken aus dem Dach." Am nächsten Tag ging sie erneut zur Kathedrale. Der Brand war nach neun Stunden komplett gelöscht worden; entgegen den Befürchtungen hatten die Zwillingstürme standgehalten. "Es herrschte nicht mehr dieselbe andächtige Stimmung wie am Abend, sondern eine Art Entsetzen", sagt Hollweg. "Anstelle des Dachs klaffte ein Loch. Man zählte die Rosettenfenster, die heil geblieben waren - oder eben nicht."

"Wir fragten uns, woher diese Wolken und der Rauch kamen": Wahlfranzösin Hollweg vor der intakten Kathedrale. - © privat
"Wir fragten uns, woher diese Wolken und der Rauch kamen": Wahlfranzösin Hollweg vor der intakten Kathedrale. - © privat

Schade sei gewesen, sagt sie heute, dass Notre-Dame mehrere Monate nach dem Brand nicht mehr wie zuvor beleuchtet war. Die Kathedrale blieb lange in Dunkelheit gehüllt, so als habe Paris diese Wunde in seinem Herzen verstecken wollen. Dabei war sie allgegenwärtig in den Köpfen und in den Gesprächen. Der Roman "Der Glöckner von Notre-Dame" von Victor Hugo kletterte auf Platz eins der Bestsellerlisten. Viele Menschen aus der ganzen Welt sowie französische Gemeinden und Regionen gaben spontan Geld für den Wiederaufbau. Kunden der Kaufhauskette Monoprix konnten bei Einkäufen aufrunden, um Mini-Spenden für Notre-Dame zu machen. Die bestürzten Reaktionen auf den Brand zeigten den immensen sentimentalen Wert der gotischen Kathedrale, die im Zentrum der Stadt liegt: Von ihrem Vorplatz auf der Seine-Insel Île de la Cité aus wird der Abstand von Paris zu allen anderen Orten gemessen.