Nach der Gewalttat in Hanau mit mehreren Toten hat der hessische Innenminister Peter Beuth am Donnerstag einen mutmaßlichen rechtsextremen Hintergrund der Tat bestätigt. "Nach unseren jetzigen Erkenntnissen ist ein fremdenfeindliches Motiv durchaus gegeben", sagt der CDU-Politiker am Donnerstag. Darauf deute etwa eine Homepage hin, aus der sich ein mutmaßlicher rechter Hintergrund ergebe", sagte Beuth. Der Generalstaatsanwalt stufe das Verbrechen als terroristischen Verdachtsfall ein.

Todesschütze sei ein 43-jähriger Deutscher aus Hanau. Der Sportschütze soll legal im Besitz einer Waffe gewesen sein. Der mutmaßliche Täter war zuvor nicht im Visier der Ermittler. Der Mann sei weder als fremdenfeindlich bekannt gewesen noch polizeilich in Erscheinung getreten, sagte Beuth im Wiesbadener Landtag. Er habe wohl allein gehandelt. "Bislang liegen keine Hinweise auf weitere Täter vor." Beuth verurteilte die Tat: "Es ist ein Anschlag auf unsere freie und friedliche Gesellschaft."

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Nach der Tat sei der mutmaßliche Angreifer tot zuhause aufgefunden worden. Die Ermittler gehen demnach davon aus, dass der Mann seine 72-jährige Mutter und sich selbst erschossen hat. "Beide wiesen Schussverletzungen auf, die Tatwaffe wurde bei dem mutmaßlichen Täter gefunden."

Insgesamt kamen damit elf Menschen in der Nacht zum Donnerstag ums Leben.  Noch in der Nacht übernahm der Generalbundesanwalt die Ermittlungen wegen der besonderen Bedeutung des Falls.

Wirres Video bei Youtube

Wenige Tage vor dem Verbrechen hatte der mutmaßliche Täter nach Informationen aus Sicherheitskreisen ein Video bei Youtube veröffentlicht. In diesem Video spricht der Mann in fließendem Englisch von einer "persönlichen Botschaft an alle Amerikaner". Der Clip wurde offensichtlich in einer Privatwohnung aufgenommen, und vor wenigen Tagen ins Netz gestellt. In dem Video sagte der Mann, in den USA existierten unterirdische Militäreinrichtungen, in denen Kinder misshandelt und getötet würden. Dort würde auch dem Teufel gehuldigt. Amerikanische Staatsbürger sollten aufwachen und gegen diese Zustände "jetzt kämpfen". Ein Hinweis auf eine bevorstehende eigene Gewalttat in Deutschland ist in dem Video nicht enthalten. Er behauptet auch, Deutschland werde von einem Geheimdienst gesteuert. Außerdem äußert er sich negativ über Migranten aus arabischen Ländern und der Türkei.

Terrorexperte: Mutmaßlicher Täter auch "Incel"

Der Terrorexperte vom King's College in London Peter Neumann sieht den Hass auf Ausländer als Motiv des mutmaßlichen Täter der Gewalttat in Hanau. Er betone in seinem Manifest zwar den Islam nicht ausdrücklich, fordere aber die Ausrottung verschiedener Länder in Nordafrika, im Nahen Osten und in Zentralasien - also in Ländern mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung, so Neumann auf Twitter.

Die Polizei war in der Nacht auf Donnerstag im Dauereinsatz. - © APAweb / afp, Yann Schreiber
Die Polizei war in der Nacht auf Donnerstag im Dauereinsatz. - © APAweb / afp, Yann Schreiber

Weiters sei der Mann ein sogenannter "Incel", also jemand, der zugibt, noch nie eine Beziehung zu einer Frau gehabt zu haben und der den Frauen die Schuld dafür gibt, analysierte der deutsche Terrorexperte. Er rechtfertige seine Tat mit der Ansicht, dass bestimmte Rassen anderen gegenüber überlegen seien, so Neumann. Laut Einschätzung des Experten habe der Mann eine Universität besucht. Sein Manifest sei in ausgezeichnetem Deutsch verfasst gewesen - ohne Tipp- oder Grammatikfehler.

Ein Mitglied der sogenannten "Chans" dürfte der Mann aber nicht gewesen sein, so Neumann. Es gebe kein Hetzposting und keine Verweise auf Memes. Als "Chans" werden Nutzer von Online-Foren - meist Buben und Männer - bezeichnet, in denen gegen Juden, Muslime, Frauen und Schwule gehetzt wird.

Er wirke "mehr wie jemand, der die ganze Nacht Verschwörungsvideos auf YouTube ansieht", schreibt Neumann auf Twitter. Dass er behaupte, sein Leben lang von Geheimdiensten überwacht worden zu sein, könnte laut dem Experten ein Schlüssel zum Verständnis seines Geisteszustandes sein.

Die Tat beging der mutmaßliche Schütze am Mittwochabend ab 22.00 Uhr. Am Heumarkt in der Hanauer Innenstadt blicken Passanten später in der Nacht immer wieder fassungslos auf die Szenerie am abgesperrten Tatort. Nicht weit entfernt in einer Seitenstraße liegen Patronenhülsen auf dem Fußweg.

Verbrechen in beschaulicher Stadt

Es ist ein Verbrechen, das die beschauliche und nur wenige Kilometer östlich von Frankfurt gelegene Stadt in ihrer jüngeren Geschichte noch nicht erlebt hat. Einer der Tatorte ist eine Shisha-Bar am Heumarkt, einer Straße, die etwas am Rande der Innenstadt von Hanau mit seinen rund 100.000 Einwohnern liegt. Es ist eine Gegend mit Spielhallen, Wettlokalen und Döner-Imbissbuden - und am späten Mittwochabend auch Polizeisirenen, Blaulicht und Absperrband.

Der zweite Tatort ist fast in Gehweite, mit dem Auto sind es bis dahin nur etwa fünf Minuten. Der Kurt-Schumacher-Platz liegt in einem Wohnviertel. Dort befindet sich im Erdgeschoß eines Wohnblocks eine Art Kiosk, mit der Aufschrift "24/7 Kiosk" auf der großen Glasscheibe, auf einem Reklame-Leuchtschild steht "Arena Bar & Café". Der Blick ins Innere ist versperrt, die Scheiben sind teils halbhoch mit orangefarbener Folie beklebt.

Ein 24-Jähriger, der nach eigenen Angaben der Sohn des Kioskbesitzers ist, erzählt, er sei bei der Tat nicht vor Ort gewesen - sein Vater auch nicht, wie er erst später erfahren habe. Als er von den Schüssen gehört habe, sei er sofort hergekommen. "Ich habe erstmal einen Schock bekommen." Die Opfer seien Leute, "die wir jahrelang kennen". Es seien zwei Mitarbeiter und eine Person, die er schon von klein auf kenne. Wer verübt solch ein Verbrechen? Der 24-Jährige ist ratlos: "Wir kennen sowas nicht, wir sind auch nicht mit Leuten zerstritten. Wir können es uns gar nicht vorstellen. Es war ein Schock für alle." (apa, afp, dpa, reuters)