Der Täter von Hanau hat nach den Worten der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wahrscheinlich aus rechtsextremistischen Motiven gehandelt. Derzeit deute "vieles darauf hin, dass der Täter aus rechtsextremistischen, rassistischen Motiven gehandelt hat", sagte Merkel am Donnerstag in Berlin.

"Rassismus ist ein Gift, der Hass ist ein Gift. Und dieses Gift existiert in unserer Gesellschaft und es ist Schuld an schon viel zu vielen Verbrechen", fügte Merkel hinzu. Noch sei es aber zu früh, eine abschließende Bewertung über den Täter vorzunehmen, sagte sie am Donnerstag in einer Stellungnahme in Berlin zu der Gewalttat, bei der elf Menschen starben.

"Wir stellen uns denen, die versuchen in Deutschland zu spalten, mit aller Kraft und Entschlossenheit entgegen", sagte Merkel. Sie sprach den Angehörigen der Opfer ihr Beileid aus und betonte, sie werde sich auch auf dem EU-Gipfel in Brüssel ständig über den Stand der Ermittlungen informieren lassen.

Rechtsextremer Hintergrund

Beim Angriff eines offenbar rechtsextremistisch motivierten Mannes im hessischen Hanau sind neun Menschen getötet worden. Der mutmaßliche Täter eröffnete in zwei Shisha-Bars das Feuer und wurde später in einem Wohnhaus tot neben der Leiche seiner Mutter aufgefunden. Wie Hessens Innenminister Peter Beuth am Donnerstag mitteilte, handelt es sich bei dem Verdächtigen um einen 43-jährigen Deutschen. Als Sportschütze soll er legal Waffen besessen haben. Er hinterließ eine Videobotschaft und ein Bekennerschreiben. Die Bundesanwaltschaft zog die Ermittlungen an sich, sie geht von rechtsextremistischen Motiven aus. Damit setzt sich eine Serie derartiger Angriffe in Deutschland fort.

In seiner Videobotschaft ruft der Verdächtige in Englisch "alle Amerikaner" zum Kampf gegen dunkle Mächte im Stil von Verschwörungstheorien auf. Ein Hinweis auf Pläne für eine eigene Gewalttat in Deutschland ist in dem Video nicht enthalten.

Am Tatort war die Straße Heumarkt im Herzen Hanaus am Donnerstagmorgen weiträumig gesperrt. Die Straße liegt in unmittelbarer Nähe des historischen Marktplatzes mit dem Rathaus und Brüder-Grimm-Denkmal. Die Shisha-Bar "Midnight" wurde von Streifenpolizisten bewacht, Beamte in weißen Overalls von der Spurensicherung waren hier im Einsatz wie auch in der benachbarten Bar "La Votre". Vor der Bar ist auf dem Bürgersteig eine kreisrunde Markierung zu erkennen.

Entsetzen über die Tat

CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer hat die Gewalttat als Beleg dafür gewertet, dass die CDU und andere Parteien nicht mit der AfD zusammenarbeiten dürfen. Sie fühle sich in ihrer Haltung bestärkt, dass es keine Zusammenarbeit geben dürfe mit der Partei, die "Rechtsextreme, ja, ich sage auch ganz bewusst Nazis, in ihren eigenen Reihen duldet und die eine Grundlage legt, auch in der politischen Diskussion, für genau dieses Gedankengut", sagte Kramp-Karrenbauer in Paris. Sie verwies auch auf den CDU-Beschluss, nicht mit der AfD zu kooperieren. "Wie wichtig es ist, diese Brandmauer zu halten, das sieht man an einem Tag wie Hanau."

Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat sich nach der Bluttat von Hanau solidarisch mit den Opfern rassistischer Gewalt erklärt. "Ich stehe an der Seite aller Menschen, die durch rassistischen Hass bedroht werden. Sie sind nicht allein", erklärte Steinmeier am Donnerstag in Berlin. "Die große Mehrheit der Menschen in Deutschland verurteilt diese Tat und jede Form von Rassismus, Hass und Gewalt", hob das Staatsoberhaupt hervor. Steinmeier will am Donnerstagnachmittag nach Hanau reisen. Das bestätigte das Bundespräsidialamt.

Zur Wort meldeten sich auch der deutsche Außenminister Heiko Maas sowie der Finanzminister Olaf Scholz. Maas sieht der nach der Bluttat von Hanau eine wachsende Gefährdung durch Rechtsextremisten in Deutschland. "Rechtsterrorismus ist wieder zu einer Gefahr für unser Land geworden", sagte Maas am Donnerstag den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland. "Die Demokratie muss sich wehren gegen die Feinde der Freiheit", forderte der SPD-Politiker. Indessen drückte Scholz den Opfern und Angehörigen sein Mitgefühl aus und forderte ein konsequentes Vorgehen gegen rechten Terror. "Zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit sind nun Bürger von Rechtsterroristen ermordet worden", twittert der SPD-Politiker. "Wir dürfen nicht zur Tagesordnung übergehen."

AfD: Tat eines "Irren

"Das ist weder rechter noch linker Terror, das ist die wahnhafte Tat eines Irren", twitterte der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen. "Jede Form politischer Instrumentalisierung dieser schrecklichen Tat ist ein zynischer Fehlgriff." Vize-Parteichefin Beatrix von Storch schrieb: "Dieser psychotische Amokläufer glaubte laut Manifest, 'Geheimorganisationen' könnten 'Gedanken lesen'" und im Traum mit ihm sprechen. "Diese Wahnsinnstat erfüllt uns mit Wut und Abscheu."

Politiker geschockt

Zahlreiche Politiker aus Europa haben mit Erschütterung auf die Gewalttat in Hanau reagiert und ihr Beileid für die Opfer bekundet. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zeigte sich entsetzt. "Die Tragödie, die sich gestern Nacht in Hanau ereignet hat, hat mich zutiefst erschüttert", schrieb die CDU-Politikerin am Donnerstag auf Twitter.

Angela Merkel zeigt sich nach dem Anschlag in Hanau tief erschüttert. - © APAweb / afp, Roland Laub
Angela Merkel zeigt sich nach dem Anschlag in Hanau tief erschüttert. - © APAweb / afp, Roland Laub

Ihre Gedanken seien bei den Familien und Freunden der Opfer, sagte von der Leyen und sprach ihnen ihr Beileid aus. "Wir trauern heute mit Ihnen." Auch EU-Ratspräsident Charles Michel und der Vorsitzende des Europaparlaments, David Sassoli, sprachen den Betroffenen auf diesem Wege ihr Beileid aus.

Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron äußerte ebenfalls "große Trauer" über die Tat von Hanau. Er sei in Gedanken bei den Opfern und den trauernden Familien, twittert der Präsident und ergänzt: "Ich stehe an der Seite von Kanzlerin Merkel in diesem Kampf für unsere Werte und den Schutz unserer Demokratien."

Auch der rechtspopulistische frühere italienische Innenminister Matteo Salvini schloss sich den Beileidsbekundungen für die Opfer an und sprach auf Twitter von einem "schrecklichen Massaker". Oppositionsführer Matteo Salvini, der für seine harte Politik gegen Flüchtlinge bekannt ist, war bis September 2019 Innenminister in Rom.

Die Türkei verurteilte die Gewalttaten mit mehreren Toten in Hanau ebenfalls als "rassistischen Angriff" und fiorderte eine schnelle Aufklärung. "Wir erwarten von den deutschen Behörden maximale Anstrengungen, um den Vorfall aufzuklären", schrieb der Sprecher des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, Ibrahim Kalin, am Donnerstag auf Twitter.

In Österreich meldete sich bereits in der Früh Bundeskanzler Sebastian Kurz auf Twitter zu Wort. "Meine Gedanken sind in diesen schweren Stunden in #Hanau, wo ein schreckliches Verbrechen verübt wurde", twittert der ÖVP-Politiker. "Den Angehörigen und Freunden der Opfer gilt mein aufrichtiges Mitgefühl." SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner twitterte zudem: "Die Meldungen aus #Hanau sind schockierend. Meine Gedanken und mein Mitgefühl sind bei den Opfern dieser feigen Gewalttat, bei ihren Angehörigen und Freunden."

Islamverbände bekunden Solidarität

Die vier großen Islamverbände in Deutschland haben nach der Gewalttat in Hanau mehr Engagement im Kampf gegen rechten Terror gefordert. Die Gewalt habe sich gegen Migranten als Zielgruppe gerichtet, betonte der Koordinationsrat der Muslime (KRM) am Donnerstag in Köln. (apa, dpa)