Mehr als 34 Jahre nach dem Mord an dem schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen eingestellt. Es sei erwiesen, dass der Grafik-Designer Stig Engström im Jahr 1986 Palme erschossen habe, sagte Staatsanwalt Krister Petersson. "Die Person ist Stig Engström", sagte Petersson auf einer Pressekonferenz in Stockholm. "Weil die Person tot ist, kann ich sie nicht anklagen und habe beschlossen, die Ermittlungen einzustellen."

Der Sozialdemokrat Palme war 1986 im Zentrum von Stockholm aus nächster Nähe erschossen worden, wo er mit seiner Ehefrau Lisbeth ein Kino besucht hatte. Der Mord löste eine umfassende Fahndung und eine Vielzahl von Verschwörungstheorien aus, nach denen die Täter im US-Geheimdienst CIA, bei kurdischen Separatisten oder südafrikanischen Sicherheitsdienste zu suchen seien.

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Verurteilt wurde zunächst ein Kleinkrimineller, doch dieses Urteil wurde später aufgehoben. Dass es der schwedischen Polizei nicht gelang, den Täter zu finden, löste erhebliche Kritik an ihr aus.

Enttäuschung wegen fehlender Beweise

Wohl die meisten Schweden dürften den Mittwochvormittag vor den Bildschirmen verbracht haben. Nichts Geringeres als die endgültige Auflösung des wohl größten und rätselhaftesten Falls der schwedischen Kriminalgeschichte - der Mord an Olof Palme - war angekündigt. Ein Tatverdächtiger der ersten Stunde, der verstorbene Werbegrafiker Stig Engström, vulgo "der Skandia-Mann", soll es also gewesen sein.

Die Reaktionen in Schweden auf die Entscheidung von Staatsanwalt Krister Petersson waren nicht gerade enthusiastisch. Der bekannte Kriminologe Leif GW Persson sprach im TV von einer "riesigen Enttäuschung". "Ich hatte gedacht, dass sie etwas wirklich Handfestes gefunden hätten, aber so war es nicht." Petersson habe lediglich seine Interpretation der Ermittlungen mitgeteilt.

Die drei Söhne Olof Palmes beschrieben die Argumentation des Staatsanwalts in einer gemeinsamen Stellungnahme zwar als "überzeugend"; allerdings zeigten auch sie sich enttäuscht, dass keine technischen Beweise für Engströms Schuld gefunden werden konnten.

Gewaltige Spannungshaltung

Ein Grund für die enttäuschten Reaktionen dürfte sein, dass Engström - oder der "Skandia-Mann", wie er bisher offiziell bezeichnet wurde - in den Medien schon seit einigen Jahren als Palmes vermutlicher Mörder gehandelt wurde. In den vergangenen Tagen hatte sich in Bezug auf die Pressekonferenz eine gewaltige Spannungshaltung aufgebaut. Die Boulevardzeitung "Aftonbladet" wollte sogar wissen, dass die Ermittler die Mordwaffe identifiziert hätten. Eine Meldung, die sich am Mittwoch als falsch herausstellte.

Vermutlich wird die Mythenbildung rund um den Tod des langjährigen Ministerpräsidenten Olof Palme am 28. Februar 1986 auch jetzt nicht aufhören. Zu viele Emotionen ranken sich auch heute noch um die Gestalt eines der seinerzeit führenden und einflussreichsten Sozialdemokraten Europas.

Hoffnung auf bessere Welt

Mit Bruno Kreisky und Willy Brandt verband ihn eine tiefe Freundschaft. Gemeinsam wollten sie eine neue, gerechtere Welt schaffen. Vor allem bei Europas Linken gelten die drei Männer heute noch als Hoffnungsträger der jüngeren Geschichte. Schwedens Linksparteichef Jonas Sjöstedt sagte am Mittwoch: "An dem Tag, als Olof Palme ermordet wurde, starb ein bisschen von der Hoffnung auf eine bessere Welt."

Auf der anderen Seite war Olof Palme für stark konservative und rechtsgerichtete Kreise in Schweden ein ausgesprochenes Feindbild. Im Verlauf der Ermittlungen ging die Polizei mehrfach von einem rechtsgerichteten Motiv aus, unter anderem vermutete man sogar eine mögliche Verschwörung in den eigenen Reihen. Auch der nun posthum als mutmaßlicher Täter bezeichnete Engström verkehrte in Palme-feindlichen Kreisen.

Palme war von 1969 bis 1976 sowie von 1982 bis 1986 Ministerpräsident. Er setzte sich international für Abrüstung und Verständigung ein. Viele würdigen ihn als Architekten des modernen Schwedens mit seinem ausgeprägten Wohlfahrtsstaat. Andere kritisieren ihn, weil unter seiner Ägide die Steuern erhöht wurden und die Gewerkschaften an Einfluss gewannen. Wieder andere werfen ihm seine kritische Haltung gegenüber den USA und deren Krieg in Vietnam sowie sein Eintreten für Wirtschaftssanktionen gegen das Apartheidsregime in Südafrika vor.

Akte geschlossen

Auch wenn es keine endgültige Klarheit gibt: Mit der Entscheidung des Chefermittlers, die Akte Palme nach 34 Jahren mangels eines lebenden Tatverdächtigen zu schließen, geht ein Stück schwedischer Geschichte zu Ende. Immer wieder wurde der Fall mit dem tödlichen Attentat auf US-Präsident John F. Kennedy verglichen. Nach groben Schätzungen kosteten die Ermittlungen über die Jahrzehnte bis zu 100 Millionen Euro. Unzählige Spuren wurden verfolgt, zahlreiche Verschwörungstheorien gesponnen. Gezählte 134 Personen gestanden den Mord (Engström war nicht darunter). 1989 gab es kurzfristig sogar einen verurteilten, später freigesprochenen Mörder. (apa, reuters, Andreas Stangl)