Mit Pomp ist die neue Autobahnbrücke "Ponte San Giorgio" in Genua am Montag eingeweiht worden. Zunächst gab es eine Schweigeminute im Gedenken an jene 43 Todesopfer, die am 14. August 2018 beim Einsturz der Morandi-Brücke ihr Leben verloren haben. Bei der Eröffnungszeremonie war dann alles anwesend, was in Italiens Politik Rang und Namen hat, darunter Staatschef Sergio Mattarella und Premierminister Giuseppe Conte.

Auf der in knapp mehr als einem Jahr neu errichteten Brücke wurden die italienische Flagge und das Banner des Heiligen Georgs, mit dem die Stadt Genua eng verbunden ist, gehisst. Die Limousine von Italiens Präsident war das erste Fahrzeug, das die Neukonstruktion befahren durfte.

"Wir haben es geschafft. Heute ist ein schöner Tag für Genua. Wir sind den Familien der 43 Todesopfer nahe. Eine Tragödie wie jene der Morandi-Brücke darf nie wieder passieren", erklärte Bürgermeister Marco Bucci, der als Regierungskommissar die Arbeiten für die Errichtung der neuen Brücke koordiniert hat.

"Genua startet aufs Neue mit der Kraft seiner Arbeit. Die Stadt hat bewiesen, dass sie Schwierigkeiten überwinden und mit Mut in die Zukunft blicken kann", sagte Premier Conte. Er dankte dem Stararchitekten Renzo Piano, der der Stadt das Projekt des Autobahnviadukts geschenkt hat. Die Brücke liege wie ein weißes Schiff zwischen den Hügeln Genuas und verbinde verschiedene Teile der verletzten Stadt.

Die Einweihung war auch mit großen Kulturevents verbunden. Im Theater "Carlo Felice" wurde am Freitag erstmals das Stück "Tante pietre a ricordare" (Viele Steine zur Erinnerung) aufgeführt, das der am 6. Juli verstorbene Filmmusikkomponist Ennio Morricone im Gedenken an die Opfer der Morandi-Brücke komponiert hatte. Das Werk für Orchester und Chor ist das letzte Stück, an dem der 91-Jährige vor seinem Tod gearbeitet hat. Der Maestro hätte es gerne höchstpersönlich im Theater von Genua dirigieren wollen, jetzt wurde er am Podium von seinem Sohn Andrea ersetzt, der wie sein Vater Dirigent und Komponist ist.

Trotz Ausgangssperre im Einsatz

Die fristgerechte Fertigstellung des Bauwerks war Schwerarbeit. So waren mehr als 1000 Arbeiter und Ingenieure rund um die Uhr im Einsatz, um die Brücke trotz der Ausgangssperre wegen der Coronavirus-Epidemie im März und April fertig zu bekommen. Phasenweise musste in parallelen Schichten gearbeitet werden. Finanziert wurde das Monsterprojekt vom Autobahnbetreiber Autostrade per I’Italia, dessen ungenügende Wartung offenbar der Hauptgrund für den Einsturz war.

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

"Für uns Genueser war die Tragödie des Morandi-Viadukts ein Riesenschock. Genua ist eine Hafenstadt, die von Handel, Transport und Logistik lebt", sagt Roberto Carpaneto, CEO der Genueser Gesellschaft RINA Consulting. Der Einsturz der Brücke habe die Stadt in zwei Teile geteilt und riesige Verkehrsprobleme verursacht, vor allem für den Hafen. "Daher haben wir alle mit besonderem Eifer an der neuen Brücke gearbeitet. Wir wollen, dass Genua jetzt zu neuem Leben erwacht", betonte Carpaneto.

Ab März seien umfangreiche Vorsichtsmaßnahmen ergriffen und die Zahl der Bauarbeiter reduziert worden, um die Infektionsgefahr zu reduzieren, versichert der Projekt-Verantwortliche. Unterbrochen habe man die Arbeiten trotzdem nicht. Und: Nur ein einziger Arbeiter sei infiziert worden.

Die vierspurige Morandi-Brücke im Westen von Genua brach auf einer Länge von mehr als 200 Metern ein. 35 Autos und drei Lastwagen stürzten in den Fluss Polvecevera und wurden teils unter herabfallenden Betontrümmern begraben. Die 1967 fertiggestellte Brücke überspannte dutzende Bahngleise sowie ein Gewerbegebiet mit Gebäuden und Fabriken. Zum Unglückszeitpunkt wurden Wartungsarbeiten an der Brücke vorgenommen, überdies gab es ein heftiges Unwetter.

Infolge der Katastrophe wurden 600 Menschen auf einen Schlag obdachlos. Sie wohnten in den Gebäuden, die sich unmittelbar unter der Brücke befanden. Der Einsturz sei wegen der vielen baulichen Mängel an der Spannbetonbrücke vorhersehbar gewesen, meinten Experten. Die italienische Justiz ermittelt in dem Fall gegen eine Reihe von Beschuldigten.

Auf hohen Stelzen

Die neue Brücke hat eine leichte Struktur und steht auf hohen Stelzen in Form eines Schiffes, das sich - so zumindest das Urteil von Fachkundigen - gut in die hügelige Genueser Landschaft integriert und weniger belastend wirkt als das Vorgänger-Konstrukt. Schon der Abriss der Ruine galt als wahre Herausforderung für die Ingenieure. "Man muss die Schwierigkeiten bedenken, die mit der Demolierung von 80.000 Kubikmeter Beton und 50 Meter hohen Brückenpfeilern über einem Fluss verbunden sind", so RINA Consulting-CEO Carpaneto.

Die "Ponte San Giorgio" ist eine hochinnovative Brücke, sagen die Verantwortlichen, die den modernsten Sicherheitsstandards entspricht. Ein komplexes System garantiere das ständige Monitoring der Infrastruktur, die Instandhaltung der Brücke sei einfach, jede Bewegung der Brücke werde registriert. Diese Brücke wird tausend Jahre halten", zeigt sich Carpaneto entsprechend selbstbewusst. Bei der Errichtung hat RINA Consulting eng mit dem Architekten Piano zusammengearbeitet, der die Brücke entworfen hat. "Piano hat streng kontrolliert, dass wir Ingenieure sein Konzept wirklich treu umsetzen", berichtet Carpaneto. (apa)