Diesen Sonntag stellt Papst Franziskus eine neue Enzyklika vor. Diese dürfte von der Corona-Krise geprägt sein, die auch vor der katholischen Kirche nicht haltgemacht hat: Erst monatelanger Verzicht auf Gottesdienste, danach strikte Hygienemaßnahmen, strenge Beschränkungen bei der Zahl der Gläubigen in der Kirche, Ordnerdienste für eine Corona-konforme Belegung der Bankreihen und neuerdings auch noch Anwesenheitslisten, die ausgefüllt werden müssen und die Pfarren vor logistische Herausforderungen stellen – die Kirche erlebt ein schwieriges Jahr. Wie sich all das auf die weltweite Gemeinschaft der Gläubigen auswirkt, hat der Pastoraltheologe Paul M. Zulehner (80) in einer weltweiten Studie untersucht. Unter dem Titel "Gott im Lockdown" wurden mehr als 14.000 Menschen auf allen Kontinenten befragt. Auf seiner Website www.zulehner.org kann man selbst teilnehmen. Die Ergebnisse sollen im Jänner 2021 als Buch erscheinen ("Bange Zuversicht. Was Menschen in der Corona-Krise bewegt", Patmos Verlag). Im Rahmen eines Online-Vortrags am Donnerstagabend sprach er über erste Erkenntnisse, die Probleme der Kirche und Auswege für die Zukunft.

"Wiener Zeitung": Die Zahl der Kirchenaustritte steigt seit Jahren kontinuierlich an. Macht Ihnen das Sorgen?

Paul Zulehner: Wir stecken in einer ganz epochalen kulturellen Entwicklung. Es ist ein völlig unvermeidbarer Prozess, der für uns als Kirche unbequem ist, aber er findet nun einmal statt. Es gibt aber schon auch vermeidbare Kirchenaustritte, wo wir gleichsam als Brandbeschleuniger gewirkt haben. Da gibt es Irritationen und Gratifikationen; also viele Dinge, die irritieren, die stören, wie Missbrauch, wenig Mitbestimmung, Klerikalismus, die Kirche ist sexualneurotisch und frauenfeindlich, sie passt nicht in die Zeit. Der Kirchenbeitrag als Grund gilt da nicht – er ist nur eine unüberhörbare Lesehilfe dafür, dass die Kirche im eigenen Leben belanglos geworden ist. Die Abschaffung des Kirchenbeitrags würde das Problem nicht lösen. Neben diesen Irritationen gibt es aber auch Gratifikationen: Das Evangelium tut dem Leben gut, es gibt bergende Rituale zu den Lebenswenden Geburt/Heirat/Tod – es ist, wie stabil die Nachfrage nach Taufen, Trauungen und Beerdigungen ist. Selbst Atheisten sagen, wenn es um die Beerdigung geht, wäre es gar nicht so schlecht, wenn da auch ein Pfarrer auftaucht. Die Kirche ist auch Heimat für Heimatlose. Und die Leute suchen seelsorglichen Rat beim Priester. Insofern war es höchst unverantwortlich, in der Covid-Zeit die Kirche, die nicht als systemrelevant angesehen wurde, aus der Begleitung der Kranken und Sterbenden auszuschließen.

Ist die Kirche denn systemrelevant?

Von den Befragten unserer aktuellen Lockdown-Studie meinen 69 Prozent, die Kirche sollte es sein – obwohl sie es im Lockdown nicht war. Da kamen sehr viele kritische Texte über die Abwesenheit der Kirche in der Pandemie, vor allem in Bezug auf die Einsamen und Sterbenden, mit viel Kritik an der Schweigekirche, die erschreckend in den Rückzug gegangen ist. Manche meinen aber auch, die Kirche solle gar nicht systemrelevant sein, aber menschenrelevant, existenzrelevant, lebensrelevant, ein gutes Stück prophetisch-systemkritisch. Ich finde, sie sollte sich in Zukunft weniger auf die Irritationen konzentrieren – die muss die Kirchenführung dennoch rasch vom Tisch wegbringen – und mehr auf die Gratifikationen. Auch mich selbst stört wahnsinnig viel in meiner Kirche, aber ich habe das Glück, auch sehr viele Gratifikationen aufgesogen zu haben, von denen ich in meinem spirituellen Leben zehre.

Aber Fakt ist: Die Kirche schrumpft. Von den Unter-30-Jährigen gehen nur noch 5 Prozent in die Kirche.

Ja, da müssen wir uns was überlegen. Mich persönlich irritiert am meisten, dass immer weniger junge Frauen kommen. Wenn ich in meinerWiener Pfarrgemeinde in die Samstagabendmesse gehe, bin ich mit meinen 80 Jahren Einer der Jüngsten. Da denke ich mir dann: In 20 Jahren ist da niemand mehr da. Aber nehmen wir Abschied vom Begriff "nur noch". Ich glaube, wir legen häufig die Latte unhistorisch zu hoch und wundern uns dann, dass wir darunter bleiben. Wir bewerten die heutige Situation aus der früheren Sicht. Die Kirche in Europa nähert sich wieder dem biblischen Normalfall. Jesus sagt auf dem Berg der Seligpreisungen: "Ihr seid Salz der Erde und Licht der Welt." Er sagt nicht: "Die ganze Weltsuppe ist Salz." So würde ja auch niemand kochen. Wir müssen nicht quantitativ stark sein, sondern qualitativ. Unter den vielen Katholiken sind heute einige Christen. Morgen werden wir unter weniger Katholiken mehr Christen haben. Das könnte verhindern, dass das Salz schal wird, wie Jesus warnt. Nicht die Religion verschwindet im Land, das Evangelium dünnt sich aus. Man kann darüber klagen, dass nur noch 12 Prozent sonntags in die Kirche gehen – man kann aber auch sagen: Das sind hochgerechnet immerhin 700.000 Personen. Und theologisch kühn formuliert gibt es in einer Heiligen Messe eine Wandlung nicht nur des Brotes, sondern auch der Menschen – wenn das bei 700.000 Leuten geschieht, ist am nächsten Morgen die Welt eine andere. Dann müssten eigentlich auch Wahlen anders ausgehen. Die Politiker haben nur das Riesenglück, dass die Christen sagen: "Gott, verwandle die Gaben, aber mich lass in Ruh’." Die Eucharistiefeier scheint diese revolutionäre Wandlungskraft zurzeit nicht zu besitzen. Der langjährige Caritas-Direktor Helmut Schüller hat einmal gemeint: "Die meisten Leute feiern einen religiös verschönerten Konditoreibesuch." Ich füge hinzu: "Keine Wandlung droht."

Würde der Gesellschaft ohne die Kirche wirklich etwas fehlen?

In unserer großen, langjährigen Langzeit-Religionsstudie ("Wandlung", 2020) stimmt weit mehr als die Hälfte dem Satz zu: "Ohne die Kirche wäre das Land ärmer." Für die soziale Wärme des Landes wäre es eine Katastrophe, wenn es keine Caritas, keine Diakonie, keine kirchlichen Kindergärten mehr gäbe. So gesehen sollte man auch viel pfleglicher mit der Kirche insgesamt umgehen und sie mehr schätzen und nicht nur auf ihre Schwächen zeigen.

Zurück zu den Frauen: Das Thema Diakoninnen und Frauenpriestertums ist eines der heißesten kirchlichen Eisen.

Alle Argumente gegen die Frauenordination gehen ins Leere, weil das Verkünden der Botschaft Jesu nicht an ein Geschlecht gebunden ist. Die erste Beauftragte war sogar eine Frau: Maria von Magdala. Im Lukas-Evangelium geht sie zu den feigen Männern hinter verschlossenen Türen, die das für Geschwätz halten. Bin ich froh, dass Jesus die Botschaft der Auferstehung nicht diesen Männern anvertraut hat! Im Notfall kann übrigens sogar eine heidnische Frau eine Taufe feiern. Was gibt es Amtlicheres, als jemanden in die Gemeinschaft der Christen aufzunehmen?

Das Buch zu Paul M. Zulehners weltweiter Studie mit mehr als 14.000 Befragten wird im Jänner im Verlag Patmos erscheinen.
Das Buch zu Paul M. Zulehners weltweiter Studie mit mehr als 14.000 Befragten wird im Jänner im Verlag Patmos erscheinen.

Sie propagieren eine Stärkung der Ehrenamtlichen gegenüber den Hauptamtlichen. Warum?

Ich lasse mir als Christ nicht mehr bieten, dass Amtrsträger auftreten und sagen, sie allein sind die Kirche. Ich finde es auch ganz schlecht, dass im Kirchenvolk immer noch das Bild der Priesterkirche prägend ist, wo die Laien dem Pfarrer nur ein bisserl helfen, wenn es ihm einmal zu viel wird oder er was braucht. Das ist eine kindische Kirche, aber nicht die mündige Kirche des Volkes Gottes. Da sollten wir von den DDR-Demos lernen, wo die Leute skandiert haben: "Wir sind das Volk." Aber das Problem liegt aber nicht nur in einer lahmen und müden Leitung – wir brauchen eine neue Generation mutiger Bischöfe –, sondern auch in der Obrigkeitshörigkeit des Kirchenvolkes.

Was sind nun die wichtigsten Erkenntnisse aus Ihrer Lockdown-Studie?

Viele Befragte befürchten die Befragten nach der Pandemie einen weiteren dramatischen Rückgang beim Kirchgang. Die Gewohnheitschristen haben sich entwöhnt. Wer eher aus Tradition gegangen ist, wird künftig wegbleiben. Es kommen noch die, die um der Sache willen hingehen und weniger wegen des Ambientes. Zudem werden drei verschiedene Gemeindetypen sichtbar: Die einen haben einfach die Kirche geschlossen. Manche meinen hier bissig, die eh überforderten Pfarrer waren froh über die Pause. Andere wurden in der Pandemie sehr kreativ und nutzten auch alle technischen Mittel, inklusive Sofagottesdienste Gottesdienststreaming via Internet. Schließlich waren gar nicht wenige Sofa-Christen, die einem Gottesdienst via Internet zuschauten. Und dann gab es noch die Kirche in den Häusern, bei der im Idealfall auch Alleinlebende eingebunden wurden. Diese Hausgemeinschaften haben auch ohne Priester das Brot gebrochen. Einige wurden richtige beachtliche wilde Reformlaboratorien – ohne Einblick der Amtskirche.

Auch in der Kirche ist das Desinfektionsmittel allgegenwärtig. - © WZ/Ziegler
Auch in der Kirche ist das Desinfektionsmittel allgegenwärtig. - © WZ/Ziegler

Wie verteilen sich diese Gruppen?

Die Hälfte ist traditionell. Das sind Leute, die am Sonntag in die Kirche gehen, die brauchen das Analoge, die sind auch völlig uninteressiert an virtuellen Gottesdiensten. Ein knappes Drittel will beides. Und dann gibt es reine Zuschauer. Ich glaube, wir werden einerseits eine – analoge und virtuelle – Beteiligungskirche haben. Die Gefahr ist, dass sich die Leute so gut kennen, dass Fremde kaum Zugang bekommen. Da droht manchen Gruppen eine sektoide Implosion, dass sie mit der Zeit schrumpfen und irgendwann verschwinden. Das zweite ist andererseits eine Dienstleistungskirche. Diese macht virtuelle Angebote ohne persönliches Einbringen. Wenn ich mich ohne persönliche Teilnahme am Gottesdienst vor den Fernseher setze, bin ich Zuschauer, da wird für mich irgendwas medial gut inszeniert. Dazu eignet sich der normale katholische Gottesdienst eigentlich vermutlich auf Dauer nicht so gut. Die Gefahr ist, dass sie lautlos verdunstet. Vielleicht ist das Zukunftsfähige eine Hybridkirche, die einen aktiven harten Kern zusammenbringt, der sich einbringt und dabei aber niederschwellig gastfreundlich ist. Also eine Beteiligungskirche mit qualitativ hochwertigen Dienstleistungen für Suchende, ergänzt durch die nach wie vor nicht einsehbare Kirche in den Häusern. Die Bischöfe freuen sich über diese von ihnen propagierte Hauskirche – sie haben aber wohl noch nicht mitgekriegt, was sie dort an Zukunft geschieht.