In Frankreich ist die zweite Corona-Welle in vollem Gange, das Land ist von der Pandemie schwer getroffen. In Paris gilt die höchste Corona-Warnstufe, hier sind Versammlungen von mehr als 1.000 Menschen verboten. Dennoch herrschte auf der Place de la République am Sonntag dichtes Gedränge. Die Behörden genehmigten die Kundgebung. Punkt 15 Uhr klatschten die Menschen minutenlang, um an den ermordeten Samuel Paty zu erinnern und für Meinungsfreiheit zu demonstrieren.

Der 47-jährige Geschichtelehrer wurde am Freitag aus mutmaßlich terroristischen Motiven bestialisch enthauptet. Die Ermittler gehen davon aus, dass Paty von einem 18-Jährigen ermordet wurde, weil er Karikaturen des Propheten Mohammed im Unterricht gezeigt hatte. Staatsanwalt Jean-François Ricard schilderte am Wochenende, dass der Lehrer Anfang Oktober seinen Schülern das Thema Meinungsfreiheit näherbringen wollte. Anlass war die Diskussion um die erneute Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen im Satireblatt "Charlie Hebdo".

Der laut Staatsanwaltschaft 2002 in Moskau geborene Täter mit russisch-tschetschenischen Wurzeln wurde kurz nach der Tat von der Polizei erschossen. Er veröffentlichte zuvor noch ein Foto des Opfers und schrieb, dass dieser den Propheten herabgesetzt habe. Elf Personen wurden verhaftet, darunter auch der Vater einer Schülerin, der im Netz gegen den Lehrer mobilisiert hatte.

Hier, um die Meinungsfreiheit zu verteidigen

"Ich bin hier, um die Meinungsfreiheit zu verteidigen, die Freiheit der Lehre", sagt die 61-jährige Muriel bei der Demonstration in Paris. Sie sei Lehrerin, aber auch gleichzeitig Bürgerin. In ihrer Hand hält sie ein Schild, auf dem "Je suis enseignante" steht - zu Deutsch: "Ich bin Lehrerin". Damit erinnerte sie wie viele andere an das Schlagwort "Je suis Charlie". Es prägte die Zeit nach dem verheerenden Mordanschlag auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" 2015. Das Satireblatt hatte sich dem Demonstrationsaufruf in Paris angeschlossen.

Auch in Marseille gedachten Bürger Paty, darunter Bürgermeisterin Michele Rubirola (rechts). - © APAweb / AFP, Christophe SIMON
Auch in Marseille gedachten Bürger Paty, darunter Bürgermeisterin Michele Rubirola (rechts). - © APAweb / AFP, Christophe SIMON

Ein junger Mann namens Valentin hält ein Schild mit den Mohammed-Karikaturen des Satireblatts in die Höhe. "Wenn ein Lehrer angriffen wird, wird die Republik angegriffen", sagt er. Die Place de la République im Pariser Osten ist ein symbolischer Ort - bereits nach der Terrorserie im Jänner 2015, zu der auch der Anschlag auf "Charlie Hebdo" zählte, gedachten dort Menschen aus ganz Frankreich der Opfer. Seitdem ist der Platz nach Terroranschlägen zu einem zentralen Ort der Anteilnahme geworden.

Auch Premier Jean Castex war bei der Kundgebung in Paris anwesend. "Ihr macht uns keine Angst. Wir haben keine Angst", schrieb er später. In weiteren Städten, darunter Marseille und Bordeaux, gingen ebenfalls zahlreiche Menschen auf die Straße.

Nationale Gedenkfeier am Mittwoch

Am Mittwoch will Frankreich mit einer nationalen Gedenkfeier an den brutal getöteten Lehrer erinnern. Auch die islamische Gemeinde reagierte auf die Tat. Nichts rechtfertige die Ermordung eines Menschen, hieß es vom islamischen Dachverband Französischer Rat des muslimischen Kultes. Frankreich wird seit Jahren von einer islamistischen Terrorwelle heimgesucht, bei der bisher mehr als 250 Menschen starben.

Erst vor wenigen Wochen hatte ein Mann vor dem ehemaligen Redaktionsgebäude von "Charlie Hebdo" zwei Menschen mit dem Messer attackiert. Er gab als Motiv ebenfalls Mohammed-Karikaturen an, die das Magazin veröffentlicht hatte. Der Angreifer hatte es eigentlich auf die Redaktion abgesehen, wusste aber nicht, dass diese mittlerweile an einen geheimen Ort umgezogen ist.

Ausweisung von 231 Extremisten geplant

Dem Vernehmen nach bereitet Frankreich nun die Ausweisung von 231 mutmaßlichen Extremisten vor. Innenminister Gerald Darmanin habe die örtlichen Behörden darum gebeten, die Ausweisungen anzuordnen, hieß es am Sonntag aus Polizeigewerkschaftskreisen. Von den 231 Personen seien 180 im Gefängnis, 51 sollten in den nächsten Stunden festgenommen werden. Vom Innenministerium war zunächst keine Bestätigung zu bekommen. (apa, dpa, reuters)