Die Corona-Pandemie hat Italien erneut voll im Griff. Das Virus ist in ganz Italien verbreitet und nicht mehr auf einzelne Infektionsherde beschränkt. Der Reproduktionsfaktor, der Informationen über die Ausbreitung der SARS-CoV-2-Infektionen gibt, sei in allen 20 italienischen Regionen auf über 1 gestiegen, teilte der Präsident des Obersten Gesundheitsinstituts ISS, Silvio Brusaferro, am Mittwoch in einer Ansprache vor dem Senat mit.

   Das Durchschnittsalter der Neuinfizierten sei auf 40 Jahre gesunken. Die meisten Infizierten seien symptomfrei. Es sei wichtig, die symptomfreien Infizierten zu lokalisieren, um die Ansteckungen zu stoppen. "Wir müssen die Epidemiekurve der Neuansteckungen einschränken", sagte Brusaferro.

 

Forderung nach Lockdown

Angesichts der rasant steigenden Zahl von Neuansteckungen sollte ein Lockdown in Mailand und Neapel verhängt werden, forderte der Wissenschafter und Berater des Gesundheitsministeriums, Walter Ricciardi. Diese Ansicht teilt auch Guido Bertolini, Koordinator der im Kampf gegen Covid-19 eingesetzten lombardischen Krankenhäuser. "Die einzige Lösung ist ein gesamtstaatlicher Lockdown. Die Lage in den Ersthilfen der Krankenhäuser, die von Patienten bestürmt werden, ist dramatisch, und zwar nicht nur in der Lombardei, sondern in ganz Italien", warnte Bertolini.

   Der lombardische Präsident Attilio Fontana schloss einen Lockdown in seiner Region freilich aus. "Wir müssen die öffentliche Gesundheit und die Wirtschaft gleichzeitig schützen", warnte Fontana. Der Mailänder Bürgermeister, Giuseppe Sala, meinte, in der jetzigen Phase sei ein Lockdown in seiner Stadt nicht notwendig. Es gebe noch genug Plätze auf den Intensivstationen der lombardischen Krankenhäuser.

 

Ausschreitungen bei Protesten in Rom

Am Dienstagabend kam es in Rom bei einer Demonstration gegen die Anti-Covid-Maßnahmen der italienischen Regierung zu Ausschreitungen. Einige vermummte Demonstranten, die sich auf der zentralen Piazza del Popolo versammelt hatten, setzten Müllcontainer in Brand und warfen Knallkörper und Rauchbomben gegen die Polizei, die mit Tränengas und Wasserwerfern reagierte. Die italienische Regierung verurteilte die Proteste: "Der Staat wird gewaltsames Verhalten nicht tolerieren" sagte Wirtschaftsminister Roberto Gualtieri in einem Interview. 16 Demonstranten, Angehörige der rechtsradikalen Gruppierung Forza Nuova und Mitglieder der Hooliganszene, wurden angezeigt.

Die Regierung in Rom kündigte Wirtschaftshilfen in Höhe von über fünf Milliarden Euro für die am stärksten von der Pandemie betroffenen Bereiche an. Die Mittel würden in einem "einfachen und schnellen Verfahren" ausgezahlt, versprach Gualtieri am Dienstagabend. Bis Mitte November solle das Geld auf den Konten der Betroffenen sein, fügte er hinzu. Es sei unter anderem für Restaurants, Taxifahrer und die Unterhaltungsbranche gedacht.

 

Leere Shoppingmeilen

Die Corona-Krise trifft viele Wirtschaftsbranchen im ohnedies angeschlagenen Italien mit voller Härte. Selbst die Luxusindustrie und die angesehensten italienischen Shoppingmeilen sind schwer betroffen. So seien etwa die Mietpreise für die Geschäfte in Mailand, Venedig, Florenz und Rom in den vergangenen Monaten stark gesunken, berichtete die Mailänder Wirtschaftszeitung "Sole 24 Ore". Auf der Via della Spiga, die zu den teuersten Einkaufsstraßen Mailands zählt, gaben die Geschäftsmieten um 25 Prozent nach.

  Absolute Stille herrscht derzeit etwa abends auf der exklusiven Mailänder Luxusmeile Via Montenapoleone, in der die Geschäftsmieten vor Ausbruch der Coronakrise teurer als auf den Champs Elysees waren und die Mietpreise der Boutiquen 13.500 Euro pro Quadratmeter im Jahr erreicht hatten. Seit Anfang dieser Woche müssen Lokale in Italien um 18 Uhr schließen und die Einkaufsstraße ist so ausgestorben wie noch nie. Klangvolle Namen des Luxus wie Prada, Porsche und Moncler haben Geschäfte in der lombardischen Hauptstadt geschlossen. Zu sind auch einige glamouröse Geschäfte in der Liberty-Galerie "Vittorio Emanuele" zwischen Domplatz und Scala, einst Magnet für betuchte chinesische Touristen und Jetset-Queens.

 

Luftfahrtindustrie bricht ein

Auch die italienischen Flughäfen sind mit einer präzedenzlosen Krise konfrontiert. Nach einer leichten Erholung in den Sommermonaten wurden im September lediglich 5,73 Millionen Passagiere verzeichnet - das waren um 69,7 Prozent weniger als im Vergleichsmonat 2019. Das sei der niedrigste Stand seit 1995, wie aus einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht des Verbands der italienischen Flughäfen "Assaeroporti" hervorgeht.

  Im Zeitraum März bis September 2020 habe das italienische Airportnetz 83 Prozent seiner Passagiere, 68 Prozent der Flugverbindungen und 33 Prozent des Frachtvolumens verloren. Bis Jahresende rechnen die Flughäfen mit einem Passagierrückgang von 70 Prozent auf 58 Millionen Personen und einem Umsatzminus von 2 Milliarden Euro.

  "Die Zahlen sind dramatisch. Die italienischen Flughäfen sind mit einer akuten finanziellen Krise konfrontiert. Ohne sofortige Stützungsmaßnahmen sind tausende Jobs und bereits geplante Investitionen zur Modernisierung und Entwicklung der italienischen Airports gefährdet", warnte Assaeroporti-Präsident Fabrizio Palenzona.

 

Scala kämpft um Premiere

Auch die italienischen Opernhäuser kämpfen mit den Folgen der Pandemie. Die Mailänder Scala, die wie alle Theater in Italien seit Montag geschlossen ist, kämpft um ihre Premiere am 7. Dezember, ein Highlight der Mailänder Kulturszene. Zur Saisoneröffnung am Tag des Heiligen Ambrosius, des Schutzpatrons Mailands, plant die Scala die Aufführung von Gaetano Donizettis Oper "Lucia di Lammermoor" unter dem Dirigat von Musikdirektor Riccardo Chailly mit den Starsängern Juan Diego Florez und Lisette Oropesa in den Hauptrollen.

  Die Proben hätten gestern (Dienstag) beginnen sollen, wegen der Theaterschließung mussten sie jedoch abgesagt werden. Intendant Dominique Meyer drängt darauf, trotz des Lockdowns im Kulturbereich nicht auf die Premiere zu verzichten. In den Not soll die Premiere per Fernsehen und ohne Zuschauer im Saal übertragen werden, lautet das Vorhaben des Intendanten, wie die Mailänder Tageszeitung "Corriere della Sera" (Mittwochausgabe) berichtete.

 

Vorstellungen abgesagt

Angesichts der Ungewissheit um die Entwicklung der Epidemie in Italien und in Europa hatte die Scala bereits geplante Vorstellungen der Saison von Dezember 2020 bis März 2021 abgesagt. Das Opernhaus ist derzeit mit einem Coronavirus-Infektionsherd konfrontiert. 21 Mitarbeiter des Theaters wurden positiv auf Covid-19 getestet. Ein Chormitglied wurde ins Spital eingeliefert. (apa)