Am Mittwoch beginnt in Italien einer der größten Mafia-Prozesse seit Jahrzehnten. In der süditalienischen Region Kalabrien stehen ab Mittwoch hunderte Mitglieder und Komplizen der dort beheimateten 'Ndrangheta vor Gericht. Das Mega-Verfahren gegen über 350 mutmaßliche Mitglieder der kriminellen Organisation startet in einem extra dafür eingerichteten Gebäude in Lamezia Terme in Kalabrien.

Die Liste der Angeklagten, darunter Politiker, Anwälte und Geschäftsleute, zeigt, wie tief verwurzelt die 'Ndrangheta in Kalabrien ist. Der Prozess mit 355 Angeklagten, rund 400 Anwälten und mehr als 900 Zeugen dürfte mehr als zwei Jahre dauern. Für rund 90 weitere Angeklagte, die sich für ein Schnellverfahren entschieden haben, ist der Prozessstart am 27. Jänner vorgesehen. Den Beschuldigten werden Mafia-Zugehörigkeit, Mord, illegaler Waffenbesitz und Drogenhandel vorgeworfen.

Der Prozess ist das Ergebnis umfangreicher Ermittlungen, die im Dezember 2019 im Rahmen von Italiens größter Anti-Mafia-Operation seit den 1980er-Jahren zur Festnahme von 334 Personen geführt hatte, darunter Unternehmer und Politiker. Auch in Deutschland, der Schweiz und Bulgarien kam es zu Festnahmen, darunter kalabresische Politiker wie ein Ex-Senator und der Bürgermeister einer Gemeinde in Kalabrien.

Eng mit der Politik verstrickt

Aus den Ermittlungen gingen enge Verstrickungen der 'Ndrangheta mit der Politik hervor. Die "Rinascita Scott" genannte Untersuchung konzentrierte sich auf Vibo Valentina, erstreckte sich aber bis nach Norditalien. Geführt wurde sie vom Oberstaatsanwalt von Catanzaro, Nicola Gratteri, der als einer der prominentesten 'Ndrangheta-Experten gilt.

Er konzentrierte sich auf den Clan der Familie Mancuso. Zu den Angeklagten im Prozess gehört Clan-Chef Luigi Mancuso, genannt "der Onkel". Die Anklage will 58 Zeugen vorladen, die bereit sind, gegen die 'Ndrangheta auszusagen und die sogenannte Omerta, das Gesetz des Schweigens in den von der Mafia kontrollierten Regionen, zu brechen. (apa)