Mit 1,9 Millionen Katholiken ist das Erzbistum Köln nicht nur die größte Diözese im deutschsprachigen Raum. Die bis an den Anfang des 4. Jahrhunderts zurückreichenden Wurzeln machen es auch zum einem der ältesten kirchlichen Verwaltungsbezirke Mitteleuropas.

Vieles ist in der bewegten Geschichte der Diözese passiert, aber so in ihren Grundfesten erschüttert worden ist sie lange nicht. Grund dafür ist das 895 Seiten starke Gutachten zu Missbrauchsfällen im Bistum, das der Strafrechtler Björn Gercke diese Woche vorgelegt hat. Aufgelistet werden darin nicht nur mehr als 300 jugendliche Opfer im Zeitraum zwischen 1975 und 2018, sondern auch 202 Verantwortungsträger, die im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen eine Rolle gespielt haben. Und diesmal stehen die Namen der Beschuldigten, die zu 63 Prozent Kleriker sind, auch ungeschwärzt auf dem Papier.

Vorgeworfen werden ihnen vor allem schwere Pflichtverletzungen bei der Aufklärungen der Missbrauchsfälle, von denen fast die Hälfte sexuellen Charakter hatten. So wurden entsprechende Fälle anderes als in den Vorschriften vorgesehen nicht an die Staatsanwaltschaft und nach Rom gemeldet. Und oft genug wurden die Täter von ihren Vorgesetzten nicht oder nur kaum sanktioniert. Als etwa ein Priester, der ein junges Mädchen missbraucht haben soll, angezeigt wurde, ist dieser zwar vorübergehend beurlaubt worden, kurze Zeit später wurde er aber wieder in der Seelsorge eingesetzt.

Aus Sicht von Gercke und seiner Co-Autorin, der Rechtsanwältin Kerstin Stirner, ist immer der Schutz der Institution Kirche im Vordergrund gestanden – wenngleich das Handeln der Verantwortlichen in der Erzdiözese über viele Jahre "von Chaos, subjektiv empfundener Unzuständigkeit und Missverständnissen" geprägt gewesen sein soll. Bei Verfehlungen von Laien hat es laut Gutachten dagegen kein Fehlverhalten gegeben, hier wurden rasch Kündigungen ausgesprochen.

Die Konsequenzen ihres Handelns müssen die kirchlichen Würdenträger allerdings jetzt tragen. Unmittelbar nach der Vorstellung des Missbrauchsgutachtens hatte Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki bereits den Kölner Weihbischof und früheren Generalvikar Dominikus Schwaderlapp und den Leiter des Kölner Kirchengerichts, Günter Assenmacher, von ihren Aufgaben entbunden. Wenige Stunden später bot dann auch der Hamburger Erzbischof Stefan Heße Papst Franziskus seinen sofortigen Amtsverzicht an. Heße war vor seiner Berufung nach Hamburg Personalchef und Generalvikar in Köln gewesen. Am Freitag wurde mit Ansgar Puff schließlich ein weiterer Weihbischof beurlaubt. Puff soll Woelki selbst um diesen Schritt gebeten haben.

Belastet werden durch den Bericht zudem die bereits verstorbenen Erzbischöfe Joseph Höffner (1906-1987) und Joachim Meisner (1933-2017). Meisner soll sogar geheime Aufzeichnungen über "Brüder im Nebel" geführt haben. Kardinal Woelki selbst trifft laut der juristischen Untersuchung keine Schuld. (rs)