Nadiya Gordiyuk hat ihre wichtigsten Dokumente bereits in eine abgewetzte braune Ledertasche gepackt. Den Reisepass, die Pensionsbescheinigung, Immobiliendokumente, Ausbildungszertifikate. "Eben alles, was schwer wieder herstellbar ist", sagt die 57-jährige. Sorgfältig bereitet sie sich auf den Ernstfall vor, sorgt dafür, dass sie genügend Batterien für die Taschenlampe zuhause hat, Medikamente, einen Vorrat an Trinkwasser und Konserven und eine warme Decke für den Keller.

Gordiyuk kennt das schon. Sie ist Lehrerin in Nowhorodske, einer 8.000-Einwohner-Stadt in der ostukrainischen Region Donbass. "Unsere Stadt war im Sommer 2014 für kurze Zeit besetzt, daher wissen wir aus erster Hand, was eine Besetzung bedeutet. Und wir verstehen, dass das neue Szenario noch schrecklicher und blutiger sein kann."

Mittlerweile wird Nowhorodske wieder von der Ukraine kontrolliert, doch liegt die Stadt so nahe an der Frontlinie, dass man von einem Hügel aus die von den Separatisten kontrollierte Stadt Horliwka auf der anderen Seite sehen kann. Seit sieben Jahren dauert der Konflikt zwischen der ukrainischen Armee und von durch Russland unterstützte Separatisten nun schon an.

 

Erneut droht der Krieg

Nun hat Russlands Präsident Wladimir Putin Soldaten an die Grenze zur Ukraine entsandt. Ob es sich bloß um eine Machtdemonstration handelt oder nicht - die reine Eventualität, dass es zu einer neuen heißen Phase des Konfliktes kommen könnte, versetzt die Bewohner von Nowhorodske in Angst. Die lokale Regierung der Siedlungen und Städte entlang der Kontaktlinie wurden bereits temporär durch eine zivil-militärische Verwaltung ersetzt, der staatliche Notdienst informiert die Bevölkerung über das richtige Verhalten bei militärischen Notfällen. "Jetzt hat die Arbeit wieder begonnen", sagt Mykola Lenko, der bis vor kurzem handelnder Bürgermeister war. "Wir überprüfen die Luftschutzbunker, trainieren für den Fall des Beschusses und lernen, wie wir anderen bei Verletzungen helfen können."

Umbenennung zu Sowjetzeiten

Der Krieg, der laut der UN-Menschenrechtsorganisation für die Ukraine OHCHR vom 14 April 2014 bis Freitag dieser Woche auf beiden Seiten insgesamt 3.084 zivile Opfer gefordert hat, ist der Hauptgrund, warum die Bürger von Nowhorodske seit Jahren dafür kämpfen, dass ihre Heimat wieder in New York umbenannt wird. So hieß Nowhorodske bis zum Jahr 1951, dann wurde der Name in der Sowjetunion umbenannt.

"Niemand hört hin, wenn Nowhorodske beschossen wird", sagt Bürgermeister Lenko. Er fordert die Rückkehr zum Namen New York. - © APAweb / Daniela Prugger
"Niemand hört hin, wenn Nowhorodske beschossen wird", sagt Bürgermeister Lenko. Er fordert die Rückkehr zum Namen New York. - © APAweb / Daniela Prugger

Mit Facebook-Seiten und Werbeartikeln, Einladungen an Presse und politische Vertreter versuchten Gordiyuk, Lenko und andere Bürger in den vergangenen Monaten immer wieder auf sich aufmerksam zu machen. Mit Erfolg. Beinahe jedes ukrainische Medium hat mittlerweile über die New Yorker im Donbass berichtet. Am 3. Februar 2021 hat das Komitee für lokale Regierungsführung des ukrainischen Parlamentes, die Umbenennung gebilligt. Die parlamentarische Abstimmung hat jedoch noch nicht stattgefunden. "Niemand hört hin, wenn Nowhorodske beschossen wird", sagt Lenko. New York hingegen sei das neue "Branding", das dieser Ort brauche.

 

Granaten, Fahnen und Geschichten

Wird Lenko gefragt, warum sein Heimatort einst New York hieß, erzählt er eine Handvoll Geschichten, von denen die meisten Legenden sind. Besonders gut gefällt ihm die Erzählung über einen Ziegelfabrikanten und seine Frau: "Im 18. Jahrhundert fuhr dieser Fabrikbesitzer nach New York, um eine Ausstellung zu besuchen. Er verliebte sich in die Tochter seiner Dolmetscherin und brachte sie hierher. Sie vermisste ihre Heimat so sehr, dass er den Ort in New York umbenannte." Die Geschichte mag nur ein Märchen sein, aber sie ringt Lenkos müdem Gesicht ein Lächeln ab.

Bei einem Besuch in der Vergangenheit zeigte er die unzähligen Artefakte, die sich in seinem Büro befinden: In der Ecke liegen Granaten aus dem andauernden Krieg, ukrainische Fahnen, eine Granate. Auf seinem Schreibtisch breitete er Landkarten und Besitzurkunden der ersten Fabriken aus, die hier Ende des 19. Jahrhunderts aufgebaut wurden. Die Dokumente tragen die Namen der frühen mennonitischen Siedler, die einst aus Deutschland hierherkamen, und sie zeigen, dass dieser Ort tatsächlich einst New York hieß. Zwar wurden die deutschen Mennoniten im Jahr 1941 auf Befehl Stalins deportiert, doch für Lenko bedeutet dieses kulturelle Erbe in einer Gegend wie dem Donbass, den viele für ein trostloses Industriegebiet halten, alles. Vor allem in einer Zeit, in der sich die Bewohner aufgrund des Krieges keine Zukunft aufbauen, hält er an dieser Vergangenheit fest.

 

Einst war Deutsch hier die meistgesprochene Sprache

"Diese Siedlung wurde von Europäern gegründet und es gab eine Zeit, in der Deutsch die meistgesprochene Sprache hier war", sagt Lenko. Er wünscht sich, dass eines Tages internationale Studenten hierherkommen und die Gegend erkunden, dass Interessierte aus Deutschland kommen und sich mit den Einheimischen austauschen. Einige Einheimische, vor allem Pensionisten, sind gegen die Umbenennung des Dorfes oder stehen ihr zumindest gleichgültig gegenüber. Andere Bewohner jedoch, wie Gordiyuk sagen heute stolz: "Ich komme aus New York."

Aber zu Sowjetzeiten hat sich niemand um das historische Erbe des ukrainischen New Yorks gekümmert, sagt Gordiyuk und erzählt aus ihrer Schulzeit: "Ich lernte etwas über die Geschichte des Stalinismus und des Kommunismus. Ich war ein Homo Sovieticus." Sie erklärt, dass sie alles über das Russische Reich lernte, die Geschichte ihrer eigenen Stadt jedoch wurde übergangen und vergessen, nicht einmal aufgeschrieben.

Erst als 2014 der Krieg ausbrach, wurde Gordiyuk und anderen Bewohnern klar, wie wichtig es ist, eine lokale Identität zu schaffen. "Als der Krieg begann, sah ich, wie stark die russische Propaganda war; und mir wurde klar, dass ich den Menschen durch unsere Geschichte zeigen kann, wer wir wirklich sind", sagt Gordiyuk. "Es gab hier Deutsche, und wir sind auch Europäer."

Es herrscht Kriegsgefahr, doch man hofft auf Tourismus

Die Hoffnungen auf die Wiederbelebung des ukrainischen New Yorks sind groß. "Unsere Facebook-Gemeinde ,Ukrainisches New York in der Region Donezk‘ hat bereits mehr als zweitausend Einwohner, was einem Viertel der Gesamtbevölkerung entspricht", meint Gordiyuk. Aber die Alltagsrealität - Militärfahrzeuge und Soldaten auf den Straßen - macht es schwer zu glauben, dass sich die Dinge bald verbessern werden.

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

Für Lenko könnten Tourismus und ein Rebranding nicht nur positive Auswirkungen auf die Wirtschaft, sondern auch sicherheitspolitische Konsequenzen haben. "Ich glaube nicht, dass es viele Leute gibt, die gerne New York angreifen würden", sagt er.

 

An vorderster Front

Ungeachtet der Waffenruhe, die seit dem 27. Juli 2020 besteht, scheint sich die Situation zuzuspitzen. Zwar waren auch während der Waffenruhe Opfer zu beklagen, und es wurde auch geschossen. Doch Gordiyuk konnte nachts schlafen, ohne alarmiert von den Explosionen von Granaten aufzuwachen, wie es in den Jahren davor der Fall war. In den vergangenen zwei Wochen nahm die Anzahl der Verstöße gegen die Waffenruhe jedoch zu. Laut der Beobachterorganisation OSZE gab es dreimal so viele Zwischenfälle, durch Flugabwehrraketen oder Granatwerfer etwa, wie im Vorjahreszeitraum. "Wir befinden uns an vorderster Front, also sind wir die Ersten, die unter einer Eskalation leiden werden", sagt Gordiyuk.

Der Konflikt brachte mehr Arbeitslose und mehr Drogen

Mehr als 40.000 Soldaten hat Russland zuletzt an seiner Grenze zur Ostukraine stationiert, das Gleiche sei auf der Halbinsel Krim geschehen, erklärte die Sprecherin des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, Iuliia Mendel vor kurzem. "Ich hoffe, der Präsident wird auf friedliche Weise einen Ausweg finden, um eine Eskalation zu vermeiden. Heute ist es eine Frage der politischen Ebene und der Bereitschaft unserer europäischen Partner, ihre Unterstützung durch Taten zu beweisen", sagt Lenko.

Die Vereinten Nationen schätzen, dass derzeit 3,4 Millionen Menschen in der Nähe der Frontlinie leben und humanitäre Hilfe benötigen. Nowhorodske ist eine von vielen Siedlungen, die aufgrund des andauernden Krieges, der Checkpoints, der Landminen und nun auch noch der Corona-Krise entweder ganz oder teilweise von der Umgebung isoliert sind. Dazu kommen Probleme in der Strom- und Wasserversorgung, Arbeitslosigkeit und Abwanderung.

 

Und dann kam auch noch Corona

Tatiana Krasko, die bis Anfang April, als die zivil-militärische Verwaltung eingesetzt wurde, Gemeinderatssekretärin war, sorgt sich nicht nur um den Krieg. Auch die HIV-Infektionen haben in den vergangenen Jahren zugenommen. "Die Arbeitslosigkeit hat den Drogenkonsum angekurbelt", erklärt die 45-Jährige und sagt, dass vor allem Männer betroffen sind. Die Anzahl an Lungenkrebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist ebenfalls hoch, und der Grund dafür liegt laut Krasko auf der Hand. Seit Jahrzehnten arbeiten die Menschen in der Gegend im Phenolwerk oder in der Quecksilberfabrik im nahegelegenen Horliwka - wo sie trotz der Frontlinie unter Mühen noch immer hinkommen. Nun bergen diese Betriebe ein zusätzliches Risiko für die Umwelt: Im Falle eines Schadens könnten Chemikalien auslaufen und den Boden und die umliegenden Flüsse vergiften.

Und dann kam auch noch Corona. Vor allem in der Nachbarstadt Torezk stiegen die Infektionszahlen zuletzt an. "Es gibt viele einsame ältere Menschen hier, und da es keine Lieferservices gibt, sind diese Menschen gezwungen, das Haus zu verlassen und selbst zur Apotheke oder ins Geschäft zu gehen", sagt Krasko. "Es gibt Fälle, in denen kranke Menschen keine Selbstisolation einhalten können."

 

Souveniers aus New York

Tests werden an jenen durchgeführt, die Symptome haben. Doch seit Beginn der Pandemie gibt es Probleme mit der Verfügbarkeit von Masken, Desinfektionsmitteln und Medikamenten. "Unabhängige Organisationen haben deshalb damit begonnen, Masken zu nähen, und sie an das Krankenhaus, Postamt und an die Geschäfte verteilt", erzählt sie.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (r.) besuchte in den vergangenen Tagen oft seine Truppen an der Demarkationslinie. - © APAweb / afp
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (r.) besuchte in den vergangenen Tagen oft seine Truppen an der Demarkationslinie. - © APAweb / afp

Als Leiterin einer lokalen Frauen-Initiative engagiert sich auch Krasko für die Umbenennung von Nowhorodske in New York. Unter anderem kümmert sie sich um die Souvenirs: Kühlschrankmagnete mit Bildern von lokalen Sehenswürdigkeiten, wie öffentlichen Gebäuden, dem Park und Wohnhäusern, die von deutschen Siedlern gebaut wurden. Besagte Gebäude befinden sich in einer Straße, die früher "Gartenstraße" hieß. Die Architektur der Häuser ist für die Ostukraine ungewöhnlich, orientierte sich an den Herkunftsorten der ersten deutschen Siedler: Die Wände sind dick und es gibt massive Keller. Keller, die in Zeiten des Krieges Leben retten.

"Ich habe keine Kraft mehr,
das zu ertragen"

"Ich bin müde und ich möchte, dass das alles endet. Ich habe keine Kraft mehr, das zu ertragen und in ständiger Angst zu leben", sagt Krasko. Sie versucht derzeit, keine Nachrichten zu lesen oder zu sehen.

Den Optimismus, den sie noch bei einem Lokalaugenschein Ende 2019 an den Tag legte, hat sie trotzdem nicht verloren. Damals führte sie durch die Straßen, zeigte begeistert die örtliche Tankstelle, an der ein Schild mit dem Namen New York angebracht ist. "Wir geben nicht auf", sagt sie. "Wir haben eine schwache Hoffnung, dass man uns den historischen Namen gerade jetzt zurückgibt, damit die Situation nicht eskaliert."