Die Freilassung des zu lebenslanger Haft verurteilten Mafia-Bosses Giovanni Brusca hat in Italien empörte Reaktionen ausgelöst. Alle Parteien kritisierten, dass der 64-Jährige, der zu den blutrünstigsten Paten der sizilianischen Cosa Nostra gezählt wird, am Montag das römische Gefängnis Rebibbia verlassen konnte, weil er seine Strafe abgesessen hat. Er wird sich in den nächsten vier Jahren regelmäßig bei der Polizei melden müssen, ist jedoch auf freiem Fuß.

"Die Freilassung eines Bosses, der über 150 Delikte verübt und angeordnet hat und für den Tod des Anti-Mafia-Staatsanwalts Giovanni Falcone und seiner Eskorte 1992 verantwortlich ist, ist eine Schande für Italien und ein Affront gegenüber den Mafia-Toten und ihren Angehörigen. 25 Jahre Haft sind zu wenig für das, was er getan hat", protestierte die Rechtspolitikerin Giorgia Meloni, Chefin der Oppositionspartei "Fratelli d ́Italia" (Brüder Italiens).

Lega-Chef Matteo Salvini bezeichnete Bruscas Freilassung als "abscheulich". "Wir respektieren die Gesetze, doch diese Gesetze müssen geändert werden. Brusca ist eine Bestie, die das Gefängnis nicht verlassen darf. Wenn jemand die lebenslange Haft verdient, dann ist es er", so Salvini im Interview mit dem TV-Sender Calan 5 am Dienstag.

Faustschlag für Demokratie

Als "Faustschlag" bezeichnete Sozialdemokratenchef Enrico Letta die Freilassung des Mafia-Bosses. "Wir fragen uns, wie ist es möglich?", sagte Letta. Der Ex-EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani, Koordinator der Regierungspartei Forza Italia um Expremier Silvio Berlusconi, meinte, ein Krimineller wie Brusca dürfe keinerlei Strafbegünstigung erhalten.

Brusca hatte den Auslöser der Bombe gedrückt, die im Mai 1992 in Palermo den Mafia-Jäger Falcone tötete. Der Mafioso wurde vier Jahre später festgenommen. Bald begann er, mit den Justizbehörden zu kooperieren. Danach gestand er, er habe über 100 Menschen getötet. Bruscas Aussagen sind teils jedoch sehr umstritten und werden angezweifelt.

Der 64-Jährige ist unter anderem als Auftraggeber für eines der grausigsten Mafia-Verbrechen verantwortlich: die Entführung und Ermordung des elfjährigen Sohnes eines Mafia-Kronzeugen, dessen Leiche später in Salzsäure aufgelöst wurde. Brusca bekam allein dafür 30 Jahre Haft. Wegen seiner Zusammenarbeit mit der Justiz, die zu mehreren Festnahmen anderer Mafiosi führte, hatte er 2019 um Hausarrest gebeten, sein Gesuch war jedoch abgelehnt worden. (apa)