Es war eine überraschende Meldung aus Deutschland: Kardinal Reinhard Marx hat dem Papst seinen Rücktritt als Münchner Erzbischof angeboten. Nicht aus Gesundheits- oder Altersgründen (Marx ist 67 Jahre alt, eine Emeritierung ist erst ab 75 Jahren vorgesehen) und auch nicht wegen eines persönlichen schweren Vergehens. Sondern weil er als ehemaliger Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz für sich die Konsequenz aus den Missbrauchsskandalen der vergangenen Jahrzehnte gezogen hat.

Die Untersuchungen dazu hätten gezeigt, dass diese unter anderem auch auf "institutionelles oder systemisches Versagen" der katholischen Kirche zurückzuführen seien, erklärte der Kardinal, der von 2014 bis 2020 an der Spitze der deutschen katholischen Bischöfe stand. Zugleich sei in den jüngsten Debatten allerdings offensichtlich geworden, "dass manche in der Kirche gerade dieses Element der Mitverantwortung und damit auch Mitschuld der Institution nicht wahrhaben wollen". Papst Franziskus hat nun entschieden, den starken Mann der deutschen katholischen Kirche, als der Marx immer noch gilt, noch nicht in den Ruhestand zu schicken. Das Ganze spielt sich gerade in einer Zeit ab, in der es in der deutschen Kirche rumort und auch über den Umgang gerade mit den Missbrauchsskandalen gestritten wird.

Papst Franziskus und Kardinal Reinhard Marx (links im Februar 2020). - © afp / Vatican Media
Papst Franziskus und Kardinal Reinhard Marx (links im Februar 2020). - © afp / Vatican Media

"Kardinal Marx ist über den Zustand der Kirche in Deutschland ziemlich ernüchtert. Indirekt kritisiert er natürlich auch jene, die nicht Verantwortung übernehmen und am Bischofsstuhl kleben", sagte dazu der renommierte Theologe Paul Zulehner, der die deutsche Debatte aus Österreich mitverfolgt und eine klare Position hat: Im Blog auf seiner Website www.zulehner.wordpress.com hatte er gemeinsam mit dem tschechischen Theologen und Philosophen Tomas Halik, mit dem er auch schon eine Petition für den Papst organisierte (www.pro-pope-francis.com), diesen am Montag ersucht, den Rücktritt des Münchner Erzbischofs nicht anzunehmen. "Marx steht auch für Kirchenreformen tiefgreifender Art und bekam dafür nicht den Applaus der ‚Bockbeinigen‘, wie sie Karl Rahner genannt hat", meinte Zulehner am Montag im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Es war bereits das zweite derartige Rücktrittsangebot aus Deutschland, das auf dem Schreibtisch des Papstes liegt. Unmittelbar nach der Vorstellung eines Missbrauchsgutachtens im März  hatte der Hamburger Erzbischof und frühere Kölner Weihbischof Stefan Heße seinen sofortigen Amtsverzicht angeboten, nachdem der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki den Kölner Weihbischof und früheren Generalvikar Dominikus Schwaderlapp und den Leiter des Kölner Kirchengerichts, Günter Assenmacher, suspendiert hatte.

Österreichs Kirche hat ihre Hausaufgaben schon gemacht

In Österreich gab es Derartiges noch nicht. Hier habe allerdings auch die Kirche ihre Hausaufgaben besser gemacht, meint Zulehner: "Österreich ist in der Aufarbeitung und Prävention anderen Kirchengebieten um zehn Jahre voraus." Der Grund dafür war der seinerzeitige Skandal um den 2003 verstorbenen Kardinal Hans Hermann Groer. 2010 wurde eine Opferschutzkommission für alle kirchliche Missbrauchsfälle unter dem Vorsitz der früheren steirischen Landeshauptfrau Waltraud Klasnic eingerichtet, die seither rund 2.500 Missbrauchsopfern insgesamt 32,7 Millionen Euro Entschädigung zugesprochen hat.

Die allermeisten Vorfälle sind rechtlich verjährt und haben sich hauptsächlich in den 1960ern und 1970ern ereignet. Nur 1,3 Prozent der Fälle datieren nach dem Jahr 2000. "Im Kampf gegen Missbrauch gibt es seitens der Kirche in Österreich keinen Schlussstrich", sagt dazu Paul Wuthe, Sprecher der Bischofskonferenz. Er betont "die absolute Unabhängigkeit" der sogenannten Klasnic-Kommission. Auch Familienbischof Hermann Glettler hat zuletzt im "Wiener Zeitung"-Interview die Bedeutung der Opferschutzkommission hervorgestrichen und betont: "Die Aufarbeitung aller gemeldeten Fälle ist gründlich passiert."

Das von der Österreichischen Bischofskonferenz entwickelte Modell sei mittlerweile ein Vorbild für die Weltkirche, so Wuthe. Freilich räumt Zulehner ein: "Eine Kommission kann nur aufarbeiten, wenn sich Personen melden." Er erinnert auch an ein Positionspapier, das bereits 1995 an der Universität Wien in Zusammenarbeit mit Fachleuten und Verantwortlichen der kirchlichen Jugendarbeit dazu entstanden ist.

Was nun konkret die deutschen Rücktrittsangebote betrifft, so meint Wuthe auf Nachfrage der "Wiener Zeitung", dass die Kirchen in den beiden Ländern nicht vergleichbar seien, weil hierzulande eben schon viel an Aufarbeitung passiert sei. "Von daher stellt sich auch nicht die Frage nach einem Rücktrittgesuch eines österreichischen Bischofs ähnlich dem des Münchner Erzbischofs." Der ungewöhnliche Schritt des Kardinals wurde auch in Deutschland sehr unterschiedlich aufgenommen.