Vatikanstadt. Papst Franziskus hat den deutschen Kardinal Reinhard Marx aufgefordert, weiter im Amt zu bleiben. "Das ist meine Antwort, lieber Bruder. Mach weiter, so wie Du es vorschlägst, aber als Erzbischof von München und Freising", schreibt der Papst in einem Brief an Marx, den der Vatikan am Donnerstag veröffentlichte. Außerdem fordert Franziskus die Kirche mit Nachdruck auf, die Realität der Missbrauchskrise "anzunehmen". Am vergangenen Freitag hatte Marx bekannt gegeben, dem Papst seinen Rücktritt angeboten zu haben.

In dem dreiseitigen Brief mit Datum vom 10. Juni dankt der Papst dem Münchner Erzbischof zunächst für seinen "christlichen Mut". Im Großen und Ganzen teilt Franziskus Marx’ Einschätzung der kirchlichen Lage. "Ich stimme Dir zu, dass wir es mit einer Katastrophe zu tun haben: der traurigen Geschichte des sexuellen Missbrauchs und der Weise, wie die Kirche damit bis vor kurzem umgegangen ist", schreibt der Papst.

Das Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx hat der Papst nicht angenommen. - © afp / L. Preiss
Das Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx hat der Papst nicht angenommen. - © afp / L. Preiss

"Angesichts dieses Verbrechens können wir nicht gleichgültig bleiben. Das anzunehmen bedeutet, sich der Krise auszusetzen", betont Franziskus. "Wir müssen für die Geschichte Verantwortung übernehmen, sowohl als Einzelner als auch in Gemeinschaft", so der Papst weiter. Eine "Vogel-Strauß-Politik" helfe nicht weiter. Allerdings muss die Krise nach Aussage des Papstes "von unserem österlichen Glauben her angenommen werden. Soziologismen und Psychologismen helfen da nicht." Auswege aus der Krise könnten nur gemeinsam gefunden werden.

Daher, so das Kirchenoberhaupt weiter, müsse jeder Bischof sich fragen: "Was muss ich angesichts dieser Katastrophe tun?" Nötig sei eine Reform, die bei jedem selbst beginnen müsse, und "die - in diesem Fall - nicht in Worten besteht, sondern in Verhaltensweisen, die den Mut haben, sich dieser Krise auszusetzen, die Realität anzunehmen, wohin auch immer das führen wird". Marx’ Rücktrittsgesuch vom 4. Juni sorgte weltweit für Aufsehen. Inner- wie außerkirchlich gab es Fragen, Ratlosigkeit, Beifall und auch Kritik. (kap)