Auf einmal habe ich ein merkwürdiges Dröhnen gehört, als ob ein Zug näherkommen würde", berichtete der Bewohner eines südmährischen Dorfes der tschechischen Zeitung "Pravo". "Dann begann die Hölle, alles flog herum." Und das bedeutete in diesem Fall: Häuser wurden zerstört, Dächer abgedeckt, Stromleitungen niedergerissen und Autos und Bäume umhergeschleudert.

Teile Südmährens wurde Donnerstagabend von einem Tornado mit Geschwindigkeiten um die 300 km/h umfasst. Tschechiens Premier Andrej Babis sprach von einer "Apokalypse" und auch Augenzeugen berichteten, dass es wie in einem Kriegsgebiet aussah. Dass ein derart heftiger Tornado über das Land braust, kommt in Europa nur alle fünf bis zehn Jahre vor - einen vergleichbaren Wirbelsturm hatte es zuletzt 2015 bei Venedig gegeben.

Mindestens fünf Menschen sind, Stand Freitagnachmittag, umgekommen, 200 wurden verletzt, sieben tschechische Dörfer gänzlich verwüstet. Auch der zweite Block des Atomkraftwerkes Temelin ist heruntergefahren worden. Die Vorsichtsmaßnahme erfolgte nach einem Schaden an einer abführenden Hochspannungsleitung.

Ortschaften wie Hrusky, Mikulcice oder Moravska Nova Ves, die schwer betroffen waren, liegen nur ein paar Kilometer vom Weinviertel entfernt - das niederösterreichische Rote Kreuz und die ÖAMTC-Flugrettung sind auch gleich mit zur Hilfe in das Nachbarland ausgerückt. Die Ausläufer des Tornados waren auch hierzulande zu spüren: Diese haben in der 834 Einwohner zählenden Grenzgemeinde Schrattenberg bei Poysdorf die Dächer von 250 Objekten schwer beschädigt.

"Schlimmste Gewitterlage seit Jahrzehnten in Europa"

Auch andere Gemeinden in Ober- und Niederösterreich waren von schweren Unwettern mit Hagel und Sturm betroffen. Besonders wild ging es in den Bezirken Hollabrunn und Mistelbach zu. "Alteingesessene Bewohner und erfahrene Feuerwehrleute erzählten, dass sie ein derartiges Unwetter noch nie erlebt hätten", schilderte Franz Resperger vom Landesfeuerwehrkommando Niederösterreich. Hausdächer seien vom Hagel "regelrecht durchlöchert" worden.

Georg Pistotnik, Klimaforscher der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) und nach Eigenaussage "leidenschaftlicher Gewitterforscher", war währen der Unwetter ebenfalls im Weinviertel unterwegs. "Den Tornado selbst habe ich nicht gesehen, aber heftigste Gewitter." In dem Ausmaß dürfte er so eine Wetterlage noch nicht erlebt haben: "Es war extrem. Ohne zu übertreiben kann man sagen, es war die schlimmste Gewitterlage seit Jahrzehnten in Europa", sagte Pistotnik

Der Klimawandel wird nach der Überzeugung des Forschers auch in Zukunft mehr Gewitter bringen. "Da können wir sicher sein", betonte Pistotnik. Durch wärmere Temperaturen sei mehr Energie in der Luft. Keine Aussagen könne man aber zu Tornados treffen. "Tornados sind Unfälle der Atmosphäre", erläuterte der Klimaforscher. Die Schwankungen zu deren Auftreten seien so stark, dass man keine Voraussagen treffen kann.

"Wir spielen mit dem Feuer", warnt die Forscherin

Auch die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb von der Universität für Bodenkultur meint, dass wissenschaftlich nicht ganz klar sei, ob Tornados in Zukunft häufiger werden. Allerdings könne man davon ausgehen, dass die Tornados, die entstehen, intensiver werden. Österreich war bisher vor allem von schwächeren Wirbelstürmen betroffen (siehe Kasten).

Zudem prognostizierte die Forscherin bei einer Online-Pressekonferenz mit dem oberösterreichischen Umweltlandesrat Stefan Kaineder, dass Hagelunwetter häufiger und stärker werden. Schon jetzt zeige die Statistik, dass die Körner bei den ohnehin häufigeren Hagelschauern immer größer werden. Grund für diese Entwicklung sei, dass die Luftmassen mit der Erwärmung labiler werden.

Kromp-Kolb betonte zudem, dass die weitere Entwicklung nicht linear, sondern exponentiell verlaufen werde. Das nächste halbe Grad Erwärmung werde deutlich mehr Probleme bringen als das vorangegangene. "Wir spielen mit dem Feuer", sagte sie und da dürfe man sich nicht wundern, "wenn man sich die Finger verbrennt".