Mit Tränen in den Augen legen zwei junge Frauen am Tatort Blumen nieder. Unzählige Kerzen brennen. "Danke für eure Zivilcourage", hat jemand auf einen Zettel geschrieben. Sichtlich betroffen laufen Passanten über den Barbarossaplatz in Würzburg - den Schauplatz der brutalen Messerattacke eines jungen Mannes mit schlimmer Bilanz: drei tote Frauen und sieben Verletzte. Die Gewalttat ist am Wochenende in Würzburg überall Gesprächsthema.

Eine Frau sagt, sie hoffe, die ausländische Herkunft des mutmaßlichen Täters werde nicht zum Wahlkampfthema bestimmter Parteien gemacht. Zwei Studentinnen äußern sich am Tatort dazu, dass viele Menschen Zivilcourage bewiesen hätten "und wirklich auch eingeschritten sind. Das fanden wir schon ziemlich beeindruckend, dass Menschen, die einfach wegrennen hätten können, auch ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, um den anderen Menschen zu helfen, die sie auch nicht kannten."

Kurz nach der Attacke ist der Somalier auf Videoclips in sozialen Netzwerken zu sehen. In der linken Hand das Messer, barfuß, etwas orientierungslos, schwankt er durch die belebte Innenstadt. Mutige Männer stellen sich dem Mann in den Weg, attackieren ihn mit einem Besen, schnappen sich Biertischstühle als Waffe. Womöglich verhindern sie so weitere Opfer. Kurz darauf streckt ein Polizist den Angreifer mit einem gezielten Schuss nieder, der 24-Jährige wird festgenommen.

Kellner Helmuth Andrew aus einer nahen Weinstube fackelt nicht lange, als er Schreie hört und ein Mann ruft: "Der sticht sie draußen alle tot!" Er greift sich nach eigenen Worten einen Stuhl und versucht, zusammen mit anderen Menschen, den Angreifer einzukesseln und zurückzudrängen. Videos dieser Szenen kursieren nach dem Angriff im Internet. Der Mann mit dem langen Messer habe "einen starren Blick gehabt", mit weit aufgerissenen Augen, erzählt Andrew. "So hat er die ganze Zeit die Leute angeguckt, ohne eine Mimik."

Sein Kollege Olaf Velker erlebt das blutige Geschehen nach eigenen Worten in einer nahe gelegenen Bank. Er habe eine verletzte Frau gefunden, "vom Scheitel bis zur Sohle vollkommen blutüberlaufen", erzählt der 32-Jährige. "Es sah sehr, sehr schlimm aus."

Respekt kommt von vielen Seiten für eine Zivilcourage, die - wie im Fall Dominik Brunner - aber auch gefährlich sein kann. Brunner war am 12. September 2009 in München von einem damals 18-Jährigen und dessen 17-jährigem Begleiter so heftig getreten und verprügelt worden, dass er später im Krankenhaus starb. Der Geschäftsmann hatte zuvor Schüler verteidigt, die von den jungen Leuten bedrängt worden waren.

Zivilcourage funktioniert bei Bedrohungen anderer Menschen nach den Worten des Sozialpsychologen Dieter Frey umso besser, je mehr gegen eine Gefahr aufbegehren. Das Einschreiten falle leichter, wenn man sich von anderen unterstützt fühle, sagt der Experte der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. In den Würzburger Filmausschnitten sind meist mehrere Menschen zu sehen, die sich dem Angreifer in den Weg stellen.

Zwei junge Menschen noch in Lebensgefahr

Nach dem Messerangriff von Würzburg, der am Freitag in der 128.000-Einwohner-Stadt in Bayern drei Frauen das Leben gekostet hat, hat die Polizei am Sonntag ihre Angaben zu den Todesopfern präzisiert. Demnach handelte es sich bei den Getöteten um Frauen im Alter von 24, 49 und 82 Jahren, die in dem Kaufhaus einkaufen wollten, in dem der Tatverdächtige - ein 24 Jahre alter Somalier - plötzlich wahllos um sich zu stechen begann.

Die Tatwaffe hatte sich der Mann zuvor in der Haushaltswarenabteilung besorgt. Ursprüngliche Angaben, denen zufolge eine der Frauen in dem Laden als Verkäuferin gearbeitet hatte, träfen nicht zu, stellte ein Polizeisprecher klar.

Zudem verletzte der Somalier in dem Geschäft einen 57 Jahre alten Mann leicht. Der 24-Jährige griff in dem Laden den Ermittlungen zufolge auch eine 52-jährige Frau an. Sie wurde schwer verletzt, ist aber außer Lebensgefahr. Auf der Straße vor dem Kaufhaus fanden Polizisten ein elfjähriges Mädchen sowie einen 16 Jahre alten Jugendlichen - beide mit schweren Verletzungen. Lebensgefahr bestand bei beiden am Sonntag nicht mehr.

Der Täter verletzte darüber hinaus eine 26 Jahre alte Frau leicht - sie wurde ebenfalls auf der Straße gefunden. In einer nahe gelegenen Bank soll der Mann eine weitere Frau angegriffen haben. Die 73-Jährige kam mit schweren Verletzungen in ein Krankenhaus, ist aber laut Polizei nun außer Lebensgefahr.

Der Zustand einer 39-Jährigen, die der Somalier ebenfalls attackierte, war am Sonntag stabil. Sie sei nicht mehr in einem lebensbedrohlichen Zustand, sagte der Sprecher. Wo der Mann diese Frau angriff, war zunächst unbekannt. Die vorläufige Bilanz der Gewaltspirale belief sich damit auf drei tote Frauen, drei lebensgefährlich verletzte Frauen, ein Mädchen und ein Jugendlicher in Lebensgefahr, ein leicht verletzter Mann sowie eine leichtverletzte Frau, fasste die Polizei zusammen.

Unterdessen waren die Ermittler am Sonntag weiterhin mit Spurenauswertung und Zeugenbefragungen beschäftigt. Ziel sei es, den genauen Tatablauf zu rekonstruieren und das Motiv des Angreifers herauszufinden, sagte ein Polizeisprecher. Die Ermittler gehen zum einen dem Verdacht nach, der 24 Jahre alte Somalier könnte psychisch krank sein. Zum anderen könnte eine extremistische Einstellung für den Messerangriff des Mannes in der Innenstadt mitverantwortlich gewesen sein.

Trauerfeier im Killiansdom

Bei einer Trauerfeier im Würzburger Kiliansdom haben viele Menschen am Sonntagnachmittag den Opfern des tödlichen Messerangriffs vom vergangenen Freitag gedacht. Das Gewaltverbrechen habe die Menschen bis ins Mark erschüttert, sagte Würzburgs Bischof Franz Jung.

"Die Trauer um die verlorenen Menschen wird niemals enden", sagte Würzburgs Oberbürgermeister Christian Schuchardt. "Ich war vorgestern Abend gelähmt und erschüttert vor Entsetzen." Er warnte davor, andere Flüchtlinge in Sippenhaft zu nehmen für die Tat des Somaliers, dessen Motiv Ermittlern zufolge noch unklar ist. (apa)