Vier Tage nach den verheerenden Unwettern in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen ist die Zahl der Todesopfer auf mehr als 150 gestiegen. Allein im Kreis Ahrweiler kamen laut Polizeiangaben mindestens 110 Menschen ums Leben, 670 wurden verletzt. In Nordrhein-Westfalen lag die Zahl der bestätigten Todesopfer bis zum Sonntag bei 45, darunter vier Feuerwehrleute.

Auch in Belgien ist die Zahl der Todesopfer auf mindestens 31 gestiegen. Die Rettungsarbeiten seien eingestellt, erklärte das Krisenzentrum der Regierung am Sonntagabend. Nach 163 Vermissten werde noch gesucht. Im Mittelpunkt stünden nun zudem die Aufräumarbeiten und die Abschätzung der materiellen Schäden. In den besonders betroffenen Regionen im Süden und Osten des Landes gehen Polizisten von Tür zu Tür, um mögliche weitere Hochwasseropfer zu finden. Viele Menschen hätten keine Möglichkeit zu telefonieren oder ihr Handy aufzuladen, erklärte das Krisenzentrum.

Die Kanzlerin wollte sich ein reales Bild von den surrealen, "gespenstischen Bildern" an Ort und Stelle verschaffen, wie sie sagte. 
- © afp / Christof Stache

Die Kanzlerin wollte sich ein reales Bild von den surrealen, "gespenstischen Bildern" an Ort und Stelle verschaffen, wie sie sagte.

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Das Katastrophengebiet im Kreis Ahrweiler in Rheinland-Pfalz hat am Sonntag auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) besucht, um sich ein reales Bild von den surrealen, "gespenstischen Bildern" an Ort und Stelle zu verschaffen, wie sie sagte. "Die deutsche Sprache kennt kaum Worte für die Verwüstung, die hier angerichtet ist." Die Kanzlerin versprach den Betroffenen schnelle Hilfe. "Wir stehen an Ihrer Seite, Bund und Land", betonte sie. Bund und Land würden dabei Hand in Hand arbeiten. Am Mittwoch soll die deutsche Bundesregierung ein Hilfspaket beschließen. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet geht davon aus, dass sich der Wiederaufbau nach der Flut-Katastrophe lange hinziehen wird. "Der Wiederaufbau wird Monate, ja Jahre dauern", sagte der CDU-Kanzlerkandidat. 

Merkel nahm ihren Besuch im Katastrophengebiet auch zum Anlass für einen Appell in Bezug auf den Klimawandel. "Wir müssen uns sputen, wir müssen schneller werden beim Kampf gegen den Klimawandel", betonte sie. Man könne zwar nicht aus einem Hochwasser allein auf den Klimawandel schließen, aber sehr wohl aus der Summe der Umweltschäden in Deutschland. Man werde deshalb nachdenken müssen, was man beim Hochwasserschutz, in der Landwirtschaft und der Forstpolitik verändern müsse. Man müsse sich verstärkt um die Anpassung an den Klimawandel kümmern - und das "so schnell wie möglich".

Debatte um Pflicht zu Elementarschadensversicherung

Der Bürgermeister der vom Hochwasser besonders betroffenen rheinland-pfälzischen Gemeinde Schuld, Helmut Lussi, erwartet in seiner nur etwa 700 Einwohner zählenden Gemeinde massive Hochwasserschäden. Ein Sachverständiger kam bei einer ersten Schützung auf eine Summe zwischen 31 bis 48 Millionen Euro. Viele Hausbesitzer in Schuld haben keine Elementarschadensversicherung.

Angesichts dieser jüngsten Flutschäden ist in Deutschland eine Debatte drüber entbrannt, ob Hausbesitzer dazu verpflichtet werden sollten, eine Elementarschadensversicherung abzuschließen. Kanzlerin Merkel hat sich dagegen ausgesprochen: Die Versicherungsbeiträge könnten Einzelpersonen und Unternehmen in Hochwassergebieten schnell "total überfordern". Man müsse staatlicherseits überlegen, was man tun könne und etwa über eine Art Umlagesystem nachdenken. Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer hingegen spricht sich für eine verpflichtende Versicherung aus, bei der die Kosten auf alle Versicherungsnehmer umgelegt werden.

Weitere Opfer möglich

Während sich in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen die Wassermassen vielerorts zurückgezogen haben, sorgten neue Regenfälle in Südostbayern und der Sächsischen Schweiz und für Überschwemmungen. Besonders betroffen ist das Berchtesgadener Land. "Fahrzeuge auf den Straßen wurden zum Spielball der Wassermassen", berichtete ein Einsatzleiter. Für Sonntag ist dort weiterer starker Regen vorhergesagt.

In den Flutgebieten wird weiter nach Toten und Verletzten gesucht, sodass sich die Opferzahl noch weiter erhöhen könnte. Strom- und Telefonleitungen sind teils unterbrochen. Bei der schwersten Hochwasserkatastrophe in Deutschland seit Jahrzehnten wurden viele Häuser zerstört. Brücken, Straßen und Bahnstrecken liegen in Trümmern.

In Erftstadt westlich von Köln suchen zahlreiche Menschen noch nach ihren Angehörigen. Bisher wurden nach Angaben der Stadt bei der "Personenauskunftsstelle" 59 Menschen gemeldet, deren Aufenthaltsort ungewiss ist. 16 davon kämen aus Erftstadt. Im Stadtteil Blessem wollen Fachleute am Sonntag die Stabilität des Untergrunds prüfen. Sie sollen nach Angaben der Stadt die Abbruchkanten eines Erdrutsches untersuchen. Die Lage sei unverändert angespannt. In Blessem war durch die Fluten ein riesiger Krater entstanden. Mindestens drei Wohnhäuser und ein Teil der Burg stürzten ein.

Einen Rückschlag gab es bei Euskirchen an der Steinbachtalsperre südwestlich von Bonn. Dort fließt das Wasser langsamer als erwartet ab. Deshalb sollten Experten am Sonntag die Lage des von einem Bruch bedrohten Staudamms neu bewerten, wie die Bezirksregierung Köln mitteilte. Eigentlich hatten die Behörden gehofft, am Sonntagnachmittag Entwarnung geben zu können. Aus der Talsperre wird Wasser abgelassen, um Druck von dem Damm zu nehmen.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Laschet, der am Samstag mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Katastrophengebiet in Erftstadt besucht hatte, versprach den Betroffenen Direkthilfe und sagte zu, dass "sehr unbürokratisch Geld ausgezahlt" werde. Steinmeier hatte zu Solidarität und Spenden aufgerufen.

Scholz sagt Hilfen zu

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) stellte Soforthilfen in dreistelliger Millionenhöhe in Aussicht. "Es braucht einen nationalen Kraftakt", sagte er der "Bild am Sonntag". Am Mittwoch will der Vizekanzler im Kabinett zwei Dinge auf den Tisch legen: "Erstens eine Soforthilfe, bei der letzten Flut waren dafür deutlich mehr als 300 Millionen Euro nötig. Da wird jetzt sicher wieder so viel gebraucht", erläuterte Scholz. "Zweitens müssen wir die Grundlage für ein Aufbauprogramm schaffen, damit die zerstörten Häuser, Straßen und Brücken zügig repariert werden. Wie wir von der vorherigen Katastrophe wissen, geht es um Milliarden Euro."

Im Hochwassergebiet im Berchtesgadener Land waren nach offiziellen Angaben 890 Hilfskräfte in den besonders betroffenen Orten im Einsatz. Einsatzleiter Anton Brandner sprach von dramatischen Szenen. Heftige Regenfälle hatten am Samstagabend den Fluss Ache über die Ufer treten und Hänge abrutschen lassen. Zwei Menschen kamen ums Leben. Ein Opfer starb dem Landkreis zufolge an einer natürlichen Ursache. Aber auch das könne mit dem Unwetter zusammenhängen.

Immense Regenfälle verursachten am Samstag auch in Teilen Sachsens Überschwemmungen und Erdrutsche. Örtlich fielen innerhalb von 24 Stunden mehr als 100 Liter pro Quadratmeter. In der Sächsischen Schweiz waren mehrere Ortslagen von Städten und Gemeinden vorübergehend nicht erreichbar. Die Bahnstrecke zwischen Bad Schandau und dem tschechischen Decin - Teil der Verbindung Berlin-Dresden-Prag - wurde gesperrt. Am Sonntag entspannte sich die Lage. (apa/dpa)

Anmerkung der Redaktion: Der Artikel wurde um 15:40 mit den neuesten Informationen aktualisiert.