Wenige Schritte von der Alten Brücke, Stari most, entfernt steht Ševko Jakirović und beginnt seine Stadtführung mit einer Entschuldigung: "Sollte ich krächzen, tut mir das leid. Ich habe gestern viel geschrien", sagt der bärtige 45-Jährige. "Europa, wir haben dich vermisst", sang Jakirović gemeinsam mit 5.000 Fans am Abend zuvor im Stadion, als Velež Mostar gegen den nordirischen Coleraine FC sein erstes Europacupspiel seit 33 Jahren bestritt und mit 2:1 gewann.

An diesem Abend im Juli wurde in Mostar jedoch mehr gefeiert als die Rückkehr in den europäischen Fußball. 25 Jahre nach Ende des Bosnien-Kriegs, der Velež Mostar ohne Stadion in einer geteilten Stadt zurückließ, schwang in den Gesängen auch die Hoffnung auf eine Zukunft des Landes jenseits des politischen Stillstands und der wirtschaftlichen Stagnation mit.

Ein Vele -Spieler vor der Fankurve ("Red Army"). Vele Mostar / Joseph Melin - © Joseph Melin
Ein Vele -Spieler vor der Fankurve ("Red Army"). Vele Mostar / Joseph Melin - © Joseph Melin

"Wer sich in Mostar beweisen will, sollte eines von zwei Dingen tun: hier von der Brücke in die Neretva springen oder für Velež spielen", sagt Stadtführer Jakirović beim Überqueren der steinernen Alten Brücke, dem Wahrzeichen der Stadt, das für die Brückenspringer berühmt ist. Jakirović hat beides getan - bis der Krieg in die Stadt kam. In seiner Jugend spielte der Tourguide als Verteidiger im selben Jahrgang wie Hasan Salihamidžić. Als im Frühjahr 1992 der Krieg ausbrach, verließ der spätere Champions-League-Sieger und heutige Sportvorstand des FC Bayern München die Stadt und flüchtete nach Deutschland.

- © Caroline M. Wisler
© Caroline M. Wisler

Jakirović blieb - und sah, wie Mostar zerstört und sein Fußballklub im Kriegsgeschehen aufgerieben wurde. In den 1980ern hatte der Verein mit dem roten Stern im Wappen zweimal den jugoslawischen Cup gewonnen und 1987 im Uefa-Cup vor 35.000 Zuschauern Borussia Dortmund zu Hause 2:1 geschlagen. Zu Hause, das war damals das Stadion Bijeli Brijeg, das im Westteil der 100.000-Einwohner-Stadt liegt. Heute ist es die Heimat des HSK Zrinjski Mostar, dem Klub der kroatischen Stadtbewohner mit dem rot-weißen Schachbrett im Wappen.

Zwei Stadtteile, zwei Vereine

Velež, 1922 als Verein der Arbeiter gegründet, galt als multiethnischer Klub. Bosniaken, Kroaten und Serben lebten zusammen in der Stadt und spielten hier Fußball. Doch der Krieg machte vor Mostar, das 50 Kilometer von der kroatischen Grenze entfernt liegt, nicht halt. Kämpften die bosnischen und kroatischen militärischen Kräfte des Landes zunächst gemeinsam gegen die serbischen Einheiten, wendete sich im Frühling 1993 das Blatt. Es kam zum Krieg zwischen der bosnischen und der kroatischen Armee.

1981 gewann Vele den jugoslawischen Pokal. Sheva Walking Tours
1981 gewann Vele den jugoslawischen Pokal. Sheva Walking Tours

Muslimische Bosniaken, die im Westteil der Stadt wohnten, mussten ihre Häuser verlassen und sich im Stadion Bijeli Brijeg sammeln. Manche von ihnen übersiedelten rechtzeitig in den Osten auf die andere Seite der Brücke, andere wurden aus Mostar vertrieben oder kamen in Internierungslager. Gleichzeitig wurde der HSK Zrinjski Mostar neu gegründet, der in Jugoslawien aufgrund seiner nationalen Symbolik verboten gewesen war. Nach Kriegsbeginn beanspruchte er das Stadion Bijeli Brijeg für sich. "Velež ist plötzlich ohne Infrastruktur, ohne die Kraft der lokalen Gemeinschaft, ohne einen großen Pool, aus dem der Verein Talente schöpfen konnte, und ohne einen Teil seiner Fans dagestanden", erzählt Sportjournalist und Velež-Fan Saa Ibrulj. Während der Stadtrivale Zrinjski nach dem Krieg sechsmal die Meisterschaft gewinnen konnte, spielte Velež auf einem staubigen Platz in einem Vorort und kämpfte um seine Existenz.

Die Wunden und die Zweiteilung der Stadt - bosniakische Verwaltung auf der einen Seite, kroatische auf der anderen - spiegelten sich im Fußball wider. "Der fast perfekte Ort zum Leben ist gewaltsam in eine dysfunktionale und gespaltene Stadt verwandelt worden", sagt Ibrulj. "In diesem Umfeld war es logisch, dass der größte und beliebteste Sportverein eines der ersten Opfer werden würde - noch bevor eine Kugel abgefeuert worden ist."

Vel e-Graffiti: "Uns alle verbindet die gleiche Liebe." Stephan Wabl
Vel e-Graffiti: "Uns alle verbindet die gleiche Liebe." Stephan Wabl

Neuaufbau im Vorort

Stadtführer Jakirović hat mittlerweile die Alte Brücke, die 2004 wieder aufgebaut wurde und heute Unesco-Weltkulturerbe ist, verlassen und schlendert durch die osmanisch geprägte Altstadt im Osten Mostars. "Zu Beginn war es hart, Gästefan in unserem eigenen Stadion zu sein", erzählt er. Vor allem bei den ersten Derbys nach dem Krieg kam es regelmäßig zu Ausschreitungen, zuletzt im Frühjahr 2015. Mittlerweile haben sich die Fans von Velež Mostar, das seinen Namen dem nahe der Stadt gelegenen Gebirgszug verdankt, mit der Situation arrangiert. "Das neue Stadion wird Schritt für Schritt ausgebaut. Es ist eine neue Heimat geworden, der Klub ist auf einem guten Weg", sagt Jakirović. Vor fünf Jahren bekam der Verein eine neue Führung, Klubpräsident emsudin Hasić gab damals ein vermeintlich einfaches Ziel aus: ein normaler Fußballklub zu werden.

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

In Bosnien ist das keine leichte Aufgabe. Seit dem Friedensvertrag von Dayton im Jahr 1995 ist das Land in zwei Entitäten geteilt: in die Republika Srpska und in die Bosniakisch-Kroatische Föderation (Föderation Bosnien und Herzegowina), in der Mostar liegt. Das Land hat drei Präsidenten und sichert den drei Ethnien ein Vetorecht in den gesamtbosnischen Institutionen zu. In Mostar machen Kroaten 48 Prozent der Bevölkerung aus, muslimische Bosniaken 44 Prozent und Serben 4 Prozent. Rund 2.000 Stadtbewohner verloren im Krieg ihr Leben, 26.000 flüchteten. Seit damals gibt es in Mostar alles doppelt: zwei Schulsysteme, zwei Müllabfuhren, zwei Mobilfunknetze - und zwei Fußballklubs.

Sich aus dieser Zweiteilung herauszuarbeiten, sei auch für Velež kaum möglich, sagt der Kulturwissenschafter Alexander Mennicke, der zum Thema Fußball und Identität am Balkan forscht. "Wenn wir uns die Fanszenen der beiden Vereine anschauen, sind die Ultras von Zrinjski ganz klar nationalistisch verortet. Ihre Loyalität gilt eher Kroatien und nicht Bosnien. Die ‚Red Army‘, die Ultras von Velež, versteht sich als links, bosniakisch und antifaschistisch", sagt der Forscher von der Universität Leipzig.

Wie angespannt die Lage nach wie vor ist, zeigt ein Rundgang ums Stadion Bijeli Brijeg. Hakenkreuze und Ustascha-Symbole säumen den kurzen Weg vom Treffpunkt der Zrinjski-Ultras zum Stadion. "In diesem Klima ist es für Velež fast unmöglich, wieder ein normaler und multiethnischer Verein zu werden. Das lassen die politischen Umstände des Landes nicht zu", sagt Mennicke. "Aber Velež ist nach wie vor in der ganzen Stadt sehr beliebt und hätte das Potenzial dazu."

Nationalisten haben beim alten Stadion in Mostar ihre Spuren hinterlassen. - © Stephan Wabl
Nationalisten haben beim alten Stadion in Mostar ihre Spuren hinterlassen. - © Stephan Wabl

Wirtschaftlich und sportlich hat sich der Klub weiterentwickelt. Mittlerweile ist Velež fast schuldenfrei und gilt bei Gehaltszahlungen als ungewöhnlich verlässlich im bosnischen Fußball. Vor einem Jahr übernahm der 38-jährige Feđa Dudić den Trainerposten. Er formte eine neue Mannschaft und führte sie mit nur 4 Niederlagen in 33 Spielen auf Rang drei der Premijer Liga und in die Qualifikation für die European Conference League. "Wenn es um Velež geht, ist lange Zeit entweder über die romantisierte Vergangenheit oder die schreckliche Kriegsgeschichte gesprochen worden", sagt Journalist Ibrulj. "Jetzt hat der Verein endlich die Möglichkeit, neue Kapitel seiner Geschichte zu schreiben. Er zeigt auch, wie wir vorankommen können."

Politischer Stillstand

Geschichte wurde in Mostar auch im Dezember 2020 geschrieben, als nach zwölf Jahren, in denen sich die beiden führenden Parteien - die Kroatische Demokratische Union (HDZ) und die bosniakisch dominierte Partei der Demokratischen Aktion (SDA) - nicht auf eine Wahlordnung einigen konnten, wieder ein Stadtparlament gewählt wurde. Die Hoffnung auf einen Wandel wurde bisher aber enttäuscht. "Es gibt zumindest wieder eine Kommunikation zwischen den verantwortlichen Politikern und den Bürgern. Aber Mostar bleibt eine geteilte Stadt. Geteilt in erster Linie in die beiden nationalistischen Parteien, die bosniakisch und kroatisch geprägt sind. Daran hat auch die Wahl nichts geändert", sagt Kristina Coric, die für die NGO Berlin Center for Integrative Mediation in Mostar arbeitet.

Der politische Stillstand hat seinen Preis: Rund 170.000 Personen haben zwischen 2014 und 2018 Bosnien verlassen, das entspricht rund 5 Prozent der Bevölkerung. Vor allem gut ausgebildete, junge Leute gehen ins Ausland. Sie ziehen in jene Länder, von denen Velež dieser Tage im Europacup träumt: Deutschland, Großbritannien, Österreich, Schweden.

Vor dem Rathaus endet die Stadtführung von Jakirović. Rund um den renovierten Prachtbau aus der K.u.K.-Zeit ist die Vergangenheit allgegenwärtig. Zerschossene Häuser säumen den vierspurigen Boulevard, der während des Kriegs die Frontlinie bildete. Östlich der Straße prangt ein Graffiti der "Red Army" von Velež. Auf der anderen Seite haben die Ultras von Zrinjski ihr Territorium markiert. Hier sieht nichts nach Versöhnung aus.

Zrinjski-Ultras im alten Stadion. - © In 80 Stadien um die Welt
Zrinjski-Ultras im alten Stadion. - © In 80 Stadien um die Welt

Nach der Führung setzt sich Jakirović an diesem lauen Juli-Abend ins Café Time seines Freundes Goran nahe der Alten Brücke, wo die beiden das gestrige Spiel Revue passieren lassen. Der 40-jährige Goran bekommt Gänsehaut, wenn er vom 2:1-Sieg über Coleraine erzählt. Eine Woche später gewinnt Velež auch das Rückspiel in Nordirland und trifft in der nächsten Runde auf AEK Athen, das völlig überraschend ebenfalls besiegt wird. Das Wiedersehen mit Europa geht für den Klub aus Bosnien weiter. Erst in Runde drei Mitte August scheidet Velež schließlich gegen Elfsborg aus Schweden aus.

Ein Zrinjski-Graffiti in Mostar. - © In 80 Stadien um die Welt
Ein Zrinjski-Graffiti in Mostar. - © In 80 Stadien um die Welt

Am Ende des Abends in Mostar wird Lokalbetreiber Goran trotz der jüngsten Euphorie nachdenklich: "Wir lieben Velež und sind sehr glücklich, dass es wieder läuft", sagt er. "Aber es gibt Wichtigeres." Dann zeigt er auf einen seiner Kellner: "Das ist Dino, mein Neffe. Er ist 21 Jahre alt und verdient 350 Euro im Monat. Er ist auch Velež-Fan. Aber welche Perspektive hat er in dieser Stadt?"

Mitarbeit: Florian Haderer