Nur fünf Minuten waren es, die im 2.000 Jahre alten Trier für fünf Menschen den Tod und für weitere 18 Personen schwere Verletzungen bedeuteten. Viele andere erlitten einen Schock und wurden traumatisiert. Am 1. Dezember 2020 raste der 51-jährige Bernd W. um 13.45 Uhr mit einem Land Rover durch die Fußgängerzone - mit Mordabsicht, wie die Staatsanwaltschaft ihm vorwirft: fünffacher Mord, 18-facher versuchter Mord. Am heutigen Donnerstag beginnt vor dem Landgericht Trier der Prozess gegen den Angeklagten.

Zielgerichtet, so die Anklage, soll W. mit hohem Tempo auf die Fußgänger zugefahren sein, um diese zu töten. Dabei lenkte er das Auto über den mittelalterlichen Hauptmarkt bis zur römischen Porta Nigra, zum Wahrzeichen der Stadt. Nur wenige Minuten danach wurde er festgenommen. Die Polizei war blitzschnell. Und W. hatte angehalten, um zu rauchen. Im Blut hatte er 1,12 Promille Alkohol.

Für die Passanten beim Einkaufsbummel kam ein rasendes Auto in der Fußgängerzone völlig unerwartet. Sie waren "arglos", wie Juristen sagen. Die Anklage geht darum von Heimtücke aus, einem sogenannten Mordmerkmal im deutschen Strafrecht. Ein zweites solches Merkmal in der Anklage ist das "gemeingefährliche Werkzeug", das Auto als Mordwaffe.

Im deutschen Recht ist Mord nur bei solchen Merkmalen gegeben. Andernfalls ist es Totschlag. Der Unterschied liegt bei der Strafe: lebenslang oder maximal 15 Jahre.

Todesopfer wurden ein 45-jähriger Zahnarzt und seine neun Wochen alte Tochter. Von hinten gerammt. Seine Frau und der eineinhalbjährige Sohn überlebten schwer verletzt. Auch eine 25-jährige Jurastudentin, eine 52-jährige Lehrerin und eine 73-jährige Pensionistin starben. Einfach umgefahren, durch die Luft geschleudert. Zufällige Ziele, alle aus Trier - wie auch die meisten der 18 zum Teil schwer Verletzten.

Für das beschauliche Trier mit seinen rund 100.000 Einwohnern ist es wohl die schrecklichste Tat und der aufsehenerregendste Prozess jemals. Die Stadt im Südwesten Deutschlands, an der Mosel nahe Luxemburg und Frankreich, ist bei Touristen sehr beliebt, vor allem wegen ihrer sichtbaren römischen Geschichte. Trier war sogar Residenz römischer Kaiser. Viele Bauten sind Weltkulturerbe.

Erinnerungen an Graz

Dass ausgerechnet hier so eine Amokfahrt geschieht, war für die Menschen kaum zu begreifen. Trier trauerte, hielt inne, stellte Kerzen und Blumen auf. Die Bundeskanzlerin, die Ministerpräsidentin und viele andere Politiker zeigten sich tief betroffen. Triers Oberbürgermeister Wolfram Leibe sagte, ehrlichen Tränen nahe: "Wir sehen solche Bilder im Fernsehen ganz oft und glauben, das kann bei uns nicht passieren."

Eines dieser Bilder aus dem Fernsehen stammte auch aus Graz. Ähnlich Grauenvolles wie in Trier hatte sich dort am 20. Juni 2015 ereignet. Damals raste der 26-jährige Alen R. mit einem SUV durch die Innenstadt, tötete drei Menschen und verletzte 38 Personen. Auch ein Kind wurde getötet. Der Täter wurde wegen dreifachen Mordes und 108-fachen Mordversuches zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Geschworenengericht hielt ihn, trotz mehrheitlich anderer Meinung der Gutachter, für zurechnungsfähig.

Auch im Trierer Prozess wird es darum gehen, ob Bernd W. voll, vermindert oder nicht schuldfähig war. Erste Eindrücke von Gutachtern gehen auch bei Bernd W. von einer Psychose aus; dazu können Wahnvorstellungen, Realitätsverlust und Angstzustände gehören. Ob das so war und wie es sich ausgewirkt hat, ob W. zurechnungsfähig war, muss oder soll die Schwurgerichtskammer ans Licht bringen - und dann die gerechte Strafe finden.

Die Vorsitzende Richterin, Petra Schmitz, hat 26 Verhandlungstage angesetzt, bis in den Jänner kommenden Jahres. 26 Tage, um fünf Minuten aufzuklären. Dazu sollen 291 Zeugen aussagen. Ob es zu einem solchen Zeugen-Marathon kommen wird, ist allerdings offen. Der könnte vermieden werden, wenn der Angeklagte alles eingesteht. Das würde den Prozess stark verkürzen, und es ginge dann vor allem noch um Bernd W.s Schuldfähigkeit und den Auftritt der Gutachter.

Wer aber ist Bernd W. überhaupt? Es gibt nur wenige Informationen über ihn. In Trier geboren, hatte er in einem Vorort gewohnt. Alleinstehend, eher ein Einzelgänger, unauffällig, nicht vorbestraft, zuletzt arbeits- und wohnungslos. Die letzten Wochen vor der Tat lebte er in dem Auto, das dann zur Tatwaffe wurde, vermutlich die Leihgabe eines Bekannten.

Bislang schweigt W. oder macht widersprüchliche und verworrene Angaben, spricht von Erinnerungslücken. Unklar ist darum bisher auch das Motiv. Ein religiöses, politisches oder weltanschauliches liegt fern. Vermutlich liegt es wie so oft im Privaten: Enttäuschung, Versagen, daraus aufkeimende Rache an allen, denen es scheinbar besser geht - das sind bisher Spekulationen. Auch die Frage nach dem Motiv wird daher den Prozess bestimmen.

Wenn Bernd W. weiter schweigt und die langen fünf Minuten der Amokfahrt in seinem Kopf vergräbt, wird für Opfer und Angehörige immer diese quälende Frage bleiben: Warum?

Michael Schmuck ist Journalist und Rechtsanwalt in Berlin.