Im Kampf gegen die Fluten setzen die Venezianer jetzt auf Glas. Anlässlich des 1.600. Jahrestages des Markusdoms hat die Lagunenstadt mit den Bauarbeiten für eine Glaskonstruktion begonnen und sich das Ziel gesetzt, innerhalb von drei Monaten die Bauarbeiten abzuschließen. Diese Maßnahme, die den Touristenmagnet vor den Auswirkungen der Gezeiten schützen soll, lässt sich Venedig einiges kosten: 3,5 Millionen Euro wurden dafür bewilligt. Carlo Alberto Tesserin, der für die Basilika zuständige Ingenieur, hofft, dass auf diese Weise irreparable Schäden vermieden werden können.

Die Barrieren aus Glas rund um das Gebäude sollen das imposante Bild nicht stören, damit der Markusdom weiterhin in seiner vollen Pracht Reisende begeistern kann. Dass die Taubenbelagerung auf dem Markusplatz dabei das Reinigungspersonal vor neue Herausforderungen stellt, ist nicht auszuschließen.

Erst 2019 wurde die Basilika überschwemmt, und die Stadt musste gegen Fluten von Salzwasser, welche in die Krypta und das Presbyterium gelangten, ankämpfen. Im Winter kommt es in der Serenissima regelmäßig zu Hochwasser, Aqua Alta; im Sommer aber - besonders im August - ist das ein eher seltenes Phänomen. Dennoch wurden heuer 100 Zentimeter Hochwasser am Lido gemessen - bei einem solchen Wert wird der Markusplatz, der zu den tiefsten Punkten der Stadt gehört, überschwemmt.

Nur ein Werbegag?

Hinzu kommt: Die Lagunenstadt ist wie kaum eine andere vom Klimawandel gebeutelt. Ein beträchtlicher Teil dessen ist den Kreuzfahrtschiffen zuzuschreiben. Diese bescherten der Stadt mehr Besucher, als diese bewältigen konnte, weshalb sie medienwirksam aus den Kanälen verbannt wurden. Kritiker monieren, dass es sich dabei bloß um einen Werbegag handle. Jedenfalls ist seit 1. August per Dekret Kreuzfahrtschiffen, die mehr als 25.000 Bruttoregistertonnen oder eine Länge von 180 Metern beziehungsweise mehr als 35 Meter Höhe aufweisen, die Einfahrt in das Becken vor dem historischen Markusplatz und dem Giudecca Kanal verboten.

Den "Grandi Navi", wie sie in der Landessprache genannt werden, wird nachgesagt, viel Arbeit, aber wenig Gewinn zu bringen. Die Kreuzfahrttouristen sollen kaum Geld in der Stadt lassen, da sie auf den Schiffen verköstigt werden.

Der Schaden hört hier aber nicht auf: Die Wellen, die durch die großen Schiffe erzeugt werden, greifen die fragilen Fundamente der Häuser an. Die verheerenden Folgen sind nicht sofort ersichtlich, sondern erst nach längerer Zeit. Die kostspieligen Reparaturen tragen aber nicht etwa die Verursacher, also die Anbieter der Reisen, sondern bezahlt die Stadt selbst mit öffentlichen Mitteln.

In den nächsten Jahren ist ein neuer Anlegeplatz für die Schiffe angedacht, doch wie er genau aussehen soll und wo er sich befinden wird, ist derzeit noch offen. Ein Ende Juni ausgeschriebener Ideenwettbewerb soll Abhilfe schaffen. Die italienische Regierung will für den Umbau des Frachthafens in Marghera, der nur eine Zwischenlösung für die Kreuzfahrtschiffe sein soll, Investitionen in der Höhe von 157 Millionen Euro tätigen - eine solch hohe Summe wirft die Frage auf, wie interimistisch diese Lösung tatsächlich ist. Infrastrukturminister Enrico Giovannini rechtfertigt den Umbau: Es sei "ein unverzichtbarer Schritt zum Schutz Venedigs".

Doch damit stößt die Kreativität der Venezianer bei der Rettung ihrer Stadt keineswegs an ihre Grenzen. Das Einfahrtsverbot für Kreuzfahrtschiffe war lediglich ein erster Schritt, nun schießen die Behörden mit der Überlegung nach, Eintrittspreise für Touristen zu verlangen, die nicht in der Stadt nächtigen.

Gegner Klimawandel

Ab nächstem Sommer sollen Besucher eine Gebühr von drei bis zehn Euro pro Tag zahlen, berichtete die italienische Tageszeitung "La Stampa". Eine Nachricht, die von den Bewohnern der Lagunenstadt mit gemischten Gefühlen angenommen wird: "Wie in einem Museum" oder "Wie in einem Vergnügungspark", heißt es seitens der wenigen verbliebenen Venezianer. Die Idee ist keine neue: Polignano a Mare, ein Dorf in Apulien, kassiert fünf Euro Eintritt von Tagestouristen.

Die Venezianer, einst eine Welthandelsmacht, scheuen keine Mühen, um ihre Heimat zu schützen. Doch wie es scheint, haben sie mit dem Klimawandel und der Globalisierung ihre gewaltigsten Gegner gefunden.