Die Publizistin Doris Kleilein ist eine gefragte Expertin zum Thema Stadtentwicklung. Vor kurzem war sie beim Salzburg Europe Summit, der sich mit der Frage eines möglichen Comebacks Europas nach der Corona-Krise beschäftigte, als Referentin geladen.

"Wiener Zeitung":Lange Zeit hat man vor allem über das Phänomen der Landflucht geredet. In den Städten zu leben, war für viele Menschen weit attraktiver als auf dem Land: Die bessere Infrastruktur, mehr Jobangebote, bessere Bezahlung, bessere Bildungs- und Kulturangebote machten die großen Städte zu Sehnsuchtsorten. In der Corona-Krise hat die Stadt dann aber plötzlich ihre Nachteile offenbart: Im Lockdown fühlten sich viele in den engen Wohnungen eingesperrt, die urbanen Vorteile wandelten sich zu Nachteilen. Mittlerweile soll es bereits einen gegenteiligen Trend geben: Weg von der Stadt, hin aufs Land. Hat die Pandemie hier tatsächlich eine Trendumkehr bewirkt?

Doris Kleilein geboren 1970, ist eine deutsche Architektin und Buchautorin. Sie publizierte unter anderem zu neuen Wohnmodellen, Stadtentwicklung und den Auswirkungen von Migration auf Architektur und Städtebau. Seit 2019 leitet sie den Buchverlag Jovis in Berlin. Franz Neumayr - © Franz Neumayr
Doris Kleilein geboren 1970, ist eine deutsche Architektin und Buchautorin. Sie publizierte unter anderem zu neuen Wohnmodellen, Stadtentwicklung und den Auswirkungen von Migration auf Architektur und Städtebau. Seit 2019 leitet sie den Buchverlag Jovis in Berlin. Franz Neumayr - © Franz Neumayr

Doris Kleilein: Zum Teil ja, aber nur zum Teil. Denn man darf nicht vergessen, dass sich das Bild, wenn man Europa verlässt, etwas anders darstellt. Weltweit wandern immer noch mehr Menschen vom Land in die Städte als umgekehrt. Und selbst in Deutschland ist es so, dass der Zuzug in die sogenannten Schwarmstädte, in die beliebtesten Städte, anhält. Dennoch wurde jetzt festgestellt, dass es eine Trendumkehr gibt - zum Beispiel im Fall von Berlin: Da hat Brandenburg - das Land, das Berlin umschließt - erstmals seit 20 Jahren einen Wanderungsgewinn. Es sind 150.000 Menschen aus Berlin weggezogen und 123.000, also weniger, sind zugezogen. Das ist eine signifikante Umkehr - schließlich gab es in den Jahren davor ein Zuwanderungsplus von rund 40.000 Menschen jährlich. Natürlich kann sich dieser Prozess auch wieder umkehren. Dennoch lässt sich im Falle Berlins beobachten, dass es den Zuzug aus dem Ausland und aus Teilen Deutschlands weiterhin gibt - aber eben auch die Abwanderung von Berlinern nach Brandenburg, was zu dieser Umkehr geführt hat.

Wer profitiert denn von der Abwanderung aus den großen Städten? Wo ziehen die Leute hin?

In die kleinen und mittleren Städte oder Regionen, die relativ attraktiv sind. Jene Regionen, die mit Schrumpfung kämpfen und sehr weit weg von Metropolen liegen, die haben es natürlich schwerer. Aber auch da gibt es erste Anzeichen, dass wieder mehr Leute hinziehen.

Mit den attraktiven Regionen - meinen Sie damit das Umland der großen Städte, den sogenannten Speckgürtel? Dorthin zu ziehen, wo man die Nähe der Stadt mit den Vorteilen des Landes kombinieren kann, war ja schon vor Corona populär. Kann man da von einer Trendumkehr sprechen?

Tatsächlich ist es am Berliner Beispiel so, dass die Nachfrage nach Einfamilienhäusern im Speckgürtel stark angestiegen ist - um ganze 75 Prozent. Das würde ich aber noch nicht als Stadtflucht bezeichnen, denn im unmittelbaren Umland von Großstädten lassen sich die Vorteile der Stadt ja noch genießen. Jetzt profitieren allerdings auch Gebiete außerhalb der Pendlerreichweite - also jene, die über eine Autostunde von Berlin entfernt sind. Dadurch, dass viele Menschen, die im Homeoffice arbeiten, nicht oder nur mehr einmal in der Woche in die Hauptstadt pendeln müssen, wird das Wohnen in diesen Regionen attraktiver. Tatsächlich entstehen derzeit eine ganze Reihe großer Wohn- und Arbeitsprojekte. Ein Beispiel dafür ist der Hof Prädikow zwischen Berlin und der deutsch-polnischen Grenze. Dort hat eine Wohngenossenschaft, die in Berlin keine Flächen mehr bekommen hat, einen gigantisch großen Hof gekauft - den größten Vierseithof (ähnlich dem österreichischen Vierkanthof) Brandenburgs. Und da ziehen jetzt mehr als hundert Leute hin - in ein Dorf, das rund 250 Einwohner hat. Zwar wurde dieses Projekt bereits vor Corona geplant. Aber erst jetzt, in dieser Situation, ließ sich beobachten: Der Hof wird voll. Solche Orte bekommen jetzt viel Zulauf.

Halten die Strukturen am Land mit diesem plötzlichen Wachstum mit? Städter sind ja schnelles Breitbandinternet, gute Verkehrsanbindungen und so weiter gewöhnt.

Das ist natürlich ein großes Thema. Auch weil Deutschland, was den Breitbandausbau betrifft, leider hinterherhinkt, gerade in den ländlichen Regionen. Dennoch eröffnet der Zuzug auch neue Möglichkeiten. Wenn ein Dorf plötzlich um 50 Prozent wächst und die Städter ihre Ansprüche mitbringen, ist eine ganz andere Wirtschaftskraft da, um die nötige Infrastruktur aufzubauen. Die Kommunen hoffen auch, dass wieder mehr Leben einkehrt, dass sich Schulen und Kindergärten wieder füllen. Es ist aber noch zu früh, das als neuen Trend zu bezeichnen. Großprojekte am Land jenseits des umstrittenen Einfamilienhauses, das ja jede Menge Boden verbraucht, sind bis jetzt nur für eine recht kleine Zahl von Städtern attraktiv. Rund sechs Prozent der Bevölkerung spricht so etwas an.

Welche Personengruppen ziehen eigentlich aus der Großstadt weg? Junge Familien, Einzelne, Pensionisten?

In diesen Projekten, die ich mir angesehen habe, ist das eine ziemlich heterogene Mischung. Da sind junge Menschen, die noch keine Kinder haben, ebenso dabei wie junge Familien. Auch Menschen, die sich in biografischen Umbrüchen befinden, etwa wenn der Partner verstorben ist, interessieren sich für solche Wohnungen. Interessant ist, dass viele Menschen darunter sind, die sozusagen nicht die klassischen Kandidaten für ein Einfamilienhaus sind - etwa Alleinstehende. Die suchen jetzt auf dem Land das, was es bis jetzt in erster Linie in der Stadt gegeben hat - etwa eine kleine Wohnung mit Anschluss an eine Gemeinschaft oder eine WG. Das ist etwas, was in Zukunft sicher zunehmen wird.

Welche Gegenden werden vom Zuzug profitieren und welche nicht?

Im Vorteil sind da die gut angebundenen Kleinstädte. Sie besitzen ja heute bereits eine gewisse Attraktivität, etwa durch ein schönes Stadtbild. Die werden profitieren. Für jene Gegenden, die besonders weit von den Metropolen weg sind, ist es natürlich nach wie vor nicht so einfach, das ist klar. Ein wichtiger Punkt ist jedenfalls die digitale Versorgung.

Wie werden die Städte eigentlich mit der Abwanderung umgehen? Wie wird sozusagen die pandemiegerechte Stadt der Zukunft aussehen?

Im Corona-Lockdown war zu sehen, dass den Menschen das direkte Wohnumfeld wichtiger wird. Hier muss es mehr Freiräume geben, etwa Möglichkeiten, einen Ort zum Arbeiten aufsuchen zu können, der weder Büro noch Homeoffice ist - einen Ausweichort zum Arbeiten. Angebote in diese Richtung werden sich sicher verstärken. Das direkte Wohnumfeld muss attraktiver werden - nicht nur in der Innenstadt, sondern auch an den Rändern.