Emilio Boyer erinnert sich an jenen Tag wie den "schlimmsten in meinem Leben". In Valencia ging der heute 55-Jährige auf ein Augustiner-Internat. Er war neun Jahre alt, als damals alles begann. "Ich war kein guter Schüler. Mönch Balbino zog sich die Hose runter und fragte, ob ich bessere Noten haben möchte", erinnert sich Boyer im Gespräch mit der spanischen Zeitung "El Pais". Er erzählt, über Jahre sexuell missbraucht worden zu sein. Wenn er sich weigerte, habe es Schläge gegeben.

Boyers Fall ist nur einer von vielen sexuellen Missbrauchsfällen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten in der spanischen Kirche zugetragen haben und die derzeit zu Debatten führen. Es war "El Pais", welche diese ins Rollen brachten. Reporter der Tageszeitung übergaben Papst Franziskus ihren 385-seitigen Bericht mit den Rechercheergebnissen. Diesem zufolge habe es in den vergangenen 30 Jahren mindestens 945 pädophile Missbrauchsfälle innerhalb der spanischen Kirche gegeben - und beständig wächst die Liste von Opfern, die sich nun melden.

Benedikts Entschuldigung

Nur eine Woche später forderte Papst Franziskus Spaniens Bischöfe höchstpersönlich zur Klärung der Fälle auf, er will den Prozess vom Vatikan aus überwachen. Doch im Gegensatz zu Bischofskonferenzen in anderen Ländern wie Frankreich oder Deutschland wollen Spaniens Bischöfe keine unabhängige Missbrauchsaufarbeitung zulassen. Für Aufsehen sorgte zuletzt das Gutachten einer Münchner Anwaltskanzlei zu sexuellem Missbrauch im dortigen Erzbistum. In die Kritik geriet auch der emeritierte Papst Benedikt XVI. Dass der frühere Münchner Erzbischof Priester, die Kinder missbraucht hatten, wieder in der Seelsorge einsetzte, wies der mittlerweile 96-Jährige zwar strikt zurück. Er bat aber am Dienstag Opfer sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche um Verzeihung.

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. bat Opfer sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche um Verzeihung. 
- © AFP / Vincenzo PINTO

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. bat Opfer sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche um Verzeihung.

- © AFP / Vincenzo PINTO

In Spanien erklärte der Generalsekretär der Bischofskonferenz, Luis Arguello: "Wir möchten, dass jedes Opfer das Gefühl bekommt, dass die Kirche in jeder Diözese bereit ist, seinen Fall konkret zu untersuchen. Die von einigen Mitgliedern der Kirche begangenen Missbräuche verursachen uns Schmerz und Schande", betonte Arguello.

Viele spanische Politiker trauen den Bischöfen aber nicht, dass sie wirklich an einer objektiven Klärung der Fälle interessiert sind, die dem Image der Kirche extrem schaden würde. Vergangene Woche beantragte der linke Regierungspartner Unidas Podemos zusammen mit den in Katalonien regierenden Linksrepublikanern sowie der baskischen EH Bildu, die sexuellen Missbrauchsfälle in der spanischen Kirche durch eine parlamentarische Kommission überprüfen zu lassen.

"Eine Untersuchung dieser Missbrauchsfälle kann nicht innerhalb der Tore und Mauern der Kirche bleiben", erklärte die Sprecherin von Unidas Podemos. Um Wahrheit, Gerechtigkeit und notwendige Wiedergutmachung für die Opfer zu erreichen, bedürfe es einer unabhängigen Untersuchung.

Spanien will verhindern, was in Österreich passierte. In Österreich gibt es keine staatliche Aufarbeitung oder gar Forderungen, die geheimen Archive der Diözesen zu öffnen, um an die Täter heranzukommen. Erstanlaufstelle für Opfer sexuellen Missbrauchs im kirchlichen Kontext sind die in den Diözesen seit 2010 eingerichteten Ombudsstellen. In jeder Diözese gibt es zudem eine Diözesankommission, die ernst zu nehmenden Verdachtsfällen nachgeht. Über finanzielle Hilfe und Therapiekosten entscheidet die "Unabhängige Opferschutzkommission" unter dem Vorsitz der ehemaligen ÖVP-Politikerin Waltraud Klasnic. Die Auszahlung der Mittel erfolgt über die kirchliche Stiftung "Opferschutz". Die "Plattform Betroffener kirchlicher Gewalt" nimmt die Opferschutz-Kommission jedoch stark in die Kritik, spricht von "Paralleljustiz" und sieht die Kommission als Teil der "Täterorganisation" Kirche.

Zu solchen Debatten soll es in Spanien erst gar nicht kommen. Nachdem nun in einem Fernsehinterview auch der bekannte spanische Schriftsteller Alejandro Palomas berichtete, wie er als Junge von einem Priester missbraucht wurde, rief ihn Regierungschef Pedro Sanchez persönlich an und versprach, zu handeln.

Sanchez’ Sozialisten signalisierten bereits, eine wie von ihrem Koalitionspartner beantragte parlamentarische Untersuchungskommission der Missbrauchsfälle zu unterstützten. Am Montag schlugen sie jedoch als Alternative vor, das Parlament solle eine unabhängige Expertenkommission unter der Leitung des Ombudsmanns einrichten, damit keine ideologische und politische Verwässerung stattfinde. Unidas Podemos würde sich dieser Alternative ebenfalls anschließen. Zumal sie eine noch größere Parlamentsmehrheit fände. Unterdessen wies Generalstaatsanwältin Dolores Delgado die regionalen Staatsanwaltschaften an, alle Verdachtsfälle und Anzeigen zusammenzutragen in die Zentrale nach Madrid zu schicken.

Rechte Opposition dagegen

In der Bischofskonferenz läuten bereits alle Alarmglocken. "Das Interesse besteht nicht darin, den Opfern zu helfen, sondern die Kirche anzugreifen", sagte Bischofssprecher Luis Arguello klar. Er kritisiert die Parteien, die Opfer medial und politisch zu benutzen. "Klerikale Päderastie ist nicht die einzige, die es gibt, sondern nur ein kleiner Teil. Wenn auch der schwerste und skandalöseste, weil die Kirche aufgrund ihrer moralischen Stellung mehr als alle anderen gefordert ist", meint auch der bekannte spanische Theologe Jose Ignacio Gonzalez Faus.

Spaniens Rechtspopulisten sehen eine "Hexenjagd" der linken Regierung gegen die Kirche. Auch der konservative Oppositionsführer Pablo Casado will die parlamentarischen Initiativen der Linksparteien nicht unterstützen. In den kommenden Wochen wollen die Bischöfe auf einer Vollversammlung beraten, wie sie auf den steigenden politischen Druck reagieren.