Seit 24. Februar 2022 sind russische Militär Verbände dabei, das ukrainische Staatsgebiet zu erobern. Es gibt wenige Chancen, diese auf längere Sicht aufzuhalten. Zeit für hilflose Zuschauer, wenigstens einen Blick auf die Konzertreise des Wiener Jüdischen Chors und der Klezmer Band Scholem Alejchem in der Ukraine zu werfen. Es gab 2005 sehr schöne Konzerte in Drogobyc und Czernowitz.

"Vor dem Krieg lebten hier 14.000 Juden und es gab zwölf Synagogen", erzählt der Musiker Alfred Schreier, während er im Dunkeln vor einer Dorfdisco ständig in Gefahr schwebt, von irgendwelchen wilden Burschen mit dicken Autos überfahren zu werden.

Es ist Samstag Abend. In dem kleinen Städtchen Drogobyc in der Westukraine werden die Straßenlampen um zehn Uhr ausgeschaltet und es ist plötzlich völlig dunkel zwischen den alten Häusern. Der 83-jährige Alfred Schreier ist einer der einzigen zwei Juden, die in Drogobyc geboren sind und noch heute hier leben, alle anderen "liegen im Grab oder sind ausgewandert", wie Schreier das umschreibt. Der elegante schmale Mann, der ein sehr feines Deutsch spricht, verbrachte die Kriegszeit im Arbeitslager Gross Rosen, seine Mutter liegt im Massengrab in Stralovic im Bronicer Wald. Seine gesamte Familie wurde ermordet.

Alte polnische Tangos in Lemberg

Der Wiener Jüdische Chor und die Wiener Klezmer Band Scholem Alejchem sind in der Ukraine auf Konzertreise. Nach einer beinahe 24-stündigen Autobusreise sind einige Sängerinnen bei dem Auftritt in der Philharmonia Halle einem Kreislaufkollaps nahe. Doch sie ziehen das Konzert durch, denn die alten Leutchen haben lange auf den Auftritt gewartet. Einem kleinen rothaarigen Jungen in der ersten Reihe fallen immer wieder die Augen zu. Schließlich kraxelt er versuchsweise seiner Mutter auf den Schoß, doch die befördert ihn resolut wieder auf seinen Samtsessel zurück. 250 Juden umfasst die Gemeinde in Drogobyc momentan, inklusive den Angeheirateten, zugewandert aus der Ostukraine, dem Ural oder anderen Gebieten der ehemaligen Sowjetunion.

Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof in Czernovitz. 
- © Wiener Jüdischer Chor

Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof in Czernovitz.

- © Wiener Jüdischer Chor

Über der Stadt schwebt die Silhouette der riesigen Synagoge, deren Dach gerade mit Hilfe eines Baukranes renoviert wird. Sie diente 2500 Leuten als Gebetsraum. Lange lebten die Obdachlosen der Stadt in der Ruine, die sich im Winter mit Feuern im Innern der Synagoge wärmten. Mit Hilfe der US-Organisation Or Avner wird das Gebäude nun remontiert – "den Ausdruck habt ihr im Deutschen nicht", lächelt Schreier.

Die jüdische Wohltätigkeitsgesellschaft Chessed unterstützt Schreiers persönliche Remontage, er erhält jeden Monat ein Lebensmittelpaket und darf ins Restaurant gehen. "Übermorgen fahren wir vier Mann hoch nach Lemberg und geben ein Konzert für den ehemaligen Vorsitzenden der israelischen Knesset, Shevach Weiss. Ich singe die Lieder von Mordeche Gebirtig und alte polnische Tangos", freut sich Schreier, bevor er vorsichtig im Dunkeln über die gebirgigen Trottoirs nach Hause wandelt. Er kennt hier jeden Stein.

Freiheit oder etwas zu essen?

Jossef Karpin, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Drogobyc, ist mit seinen Motivationsausbrüchen und seiner eiligen Hast, ein typischer Vertreter des Lehrerberufes. "Es ist ein Wunder, dass Herr Schreier überlebt hat. Bei uns gibt es nur einen Stein zur Erinnerung an die ermordeten Juden, doch 15 Kilometer von hier in Bronica ist ein Memorial, dort war eine Exekutionsstelle. Bis zu 15.000 Menschen sind dort begraben."

Die Synagoge von Drohobyc wurde inzwischen renoviert. 
- © Wiener Jüdischer Chor

Die Synagoge von Drohobyc wurde inzwischen renoviert.

- © Wiener Jüdischer Chor

Karpin will sich für eine Gedenkstätte in seinem Ort einsetzen. Die jungen Juden wandern aus, weil es keine Arbeit gibt. "Jetzt ist es viel schlimmer als vor der Perestroika, denn damals war die Industrie verstaatlicht und in der Holzverarbeitung, in den Möbelfabriken oder in der Erdölverarbeitung fanden die Leute Arbeit. Nun funktionieren zwei Drittel aller Betriebe nicht mehr. Es gibt keine Kolchosen mehr. Wozu brauche ich die Freiheit, wenn ich nichts zu essen habe?", lacht Karpin in seinen kurzen grauen Bart hinein. "Doch auf Ausbildung und Wissen wird sehr viel Wert gelegt, das gibt Hoffnung."

Lieder wie Sterne in der Nacht

Ein kräftiger älterer Herr in kariertem Hemd steht auf der Bühne und übergibt Mirjam Silber, der Sängerin von Scholem Alejchem, einen weißen Korb mit roten Rosen. Er erzählt, wie er vor sechzig Jahren am 26. April Wien von den Nationalsozialisten befreit hat. "Das wird in Österreich gerne vergessen", kommentiert ein Chormitglied ziemlich laut auf Deutsch von der Galerie herunter. Der Herr bewahrte auch einige architektonische Sehenswürdigkeiten von der Sprengung. Die Nazis hatten Minen hinterlassen. In dem vollen Theatersaal in der Schepetivska Straße im ukrainischen Czernowitz sitzen die Leutchen brav auf ihren goldenen Samtsesseln, denn draußen blitzt und donnert es.

"Wir spielen a Libe, aber wir bekommen sie nicht, o helf mir Gott im Himmel, wir haben die Libe nit zusammen gebracht", singt der Chor. In dem traurigen Lied "Oi dorten, dorten", geht es um eine Liebe, aus der nichts wird. Draußen schüttet es wie aus Kübeln. In "Mamas Schabbes Lied", einem alten Volkslied, das Isaac Loberan von Scholem Alejchem von dem alten Sänger David Saposchnikov gehört hat, bleiben von den Menschen nur die Lieder übrig – die leuchten wie Sterne in der Nacht. Niemand ist mehr übrig, alles ist entrückt. Kugeln fliegen wie Bienenschwärme. Man hat den Juden vertrieben. Nur die Erinnerung bleibt und die Sterne in der Nacht.

Klezmer-Rock in goldenen Disco-Hemden

Saposchnikov selbst starb vor kurzem an Krebs, einen Tag vor dem Konzert in Kiew. Den Tango "Wen ich soll dich farlirn", übernahm die Band auch von ihm. Ein älterer Herr in hellgrauem Jersey-Hemd mit passender Popeline-Kappe am Schoß zerknüllt nervös das Band der Handtasche seiner Frau. Anschließend spielen die Local Heroes, die Czernowitzer Band "A Jiddische Neschome" in knallgrünen und goldenen Disco-Hemden auf. Der Posaunist sieht wie ein ukrainischer Elvis Presley aus, der Klarinettist mit seinem Schnurrbart ist der örtliche Feuerwehrhauptmann. Der junge Schlagzeuger sitzt auf einem goldenen Polsterstuhl nach hinten gebeugt und spielt ohne jemals zu schauen, ob er seine Trommeln und Becken auch trifft. Klezmer-Rock, das Publikum johlt. Diese Jiddische Neschome erzeugt Glücksgefühle wie eine Zirkuskapelle.