Michael Ferkol ist gerade für sein Archäologie-Studium in Rom, als er den Aufruf des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj nach Unterstützung durch ausländische Kämpfer gegen die russischen Invasoren mitbekommt. Wenige Tage später meldet sich der Amerikaner, der einst als Versorgungsspezialist bei Ingenieur-Einheiten in der US-Armee diente, beim militärischen Rekrutierungsbüro in der westukrainischen Stadt Lwiw zum Einsatz als Sanitäter an der Front. "Ich sagte ihnen, ich wolle mich um Patienten kümmern", so der 29-Jährige.

Mehr als 16.000 Ausländer sollen sich nach dem ukrainischen Aufruf gemeldet haben. Die Nachrichtenagentur Reuters befragte rund 20 ausländische Kämpfer. Manche sehen den Kampf eines demokratischen Landes gegen den aggressiven Nachbar als Motivation an. Für andere bietet der Krieg in der Ukraine eine Chance, ihre Kampffähigkeiten einzusetzen, die ihre eigenen Regierungen nicht mehr zu schätzen wissen.

Michael Ferkol ist nicht der einzige Freiwillige, der keine Kampferfahrung hat. Das System zur Aufnahme, Ausbildung und Entsendung ausländischer Kämpfer stecke noch in den Kinderschuhen, gibt Roman Schepeljak zu. Der ukrainische Regierungsvertreter ist in Lwiw dafür zuständig, die Bewerber zu prüfen. Sie werden zu einem Militärstützpunkt außerhalb der Stadt geschickt. Manchen ausländischen Kämpfern ist das formelle Verfahren zu umständlich, weshalb sie direkt an die Ostfront gingen. Sie hoffen darauf, bei ihrer Ankunft Waffen und Befehle von der ukrainischen Armee zu erhalten.

Ein Mann, der sich als britischer Militärveteran zu erkennen gibt, bezeichnet Rekruten mit wenig oder gar keiner Erfahrung in Krisengebieten als "Kugelfänger". Das Gegenstück bilden dutzende ehemalige Soldaten des Fallschirmjäger-Eliteregiments der britischen Armee. Das oft als "Paras" bezeichnete Regiment hat in Afghanistan und im Irak gedient.

"Nichts für Kriegstouristen"

Auch viele ukrainische Männer haben sich freiwillig zum Fronteinsatz gemeldet. Sie sind hochmotiviert, ihr Land zu verteidigen. Doch es mangelt an Fachleuten, die mit den modernen Panzerabwehrraketen Javelin und NLAW umgehen können. Das kann zwar recht rasch erlernt werden. Aber selbst diejenigen, die über Kampferfahrung verfügen, könnten in den ihnen unbekannten Kriegsgebieten Probleme bekommen, warnt ein ehemaliger britischer Soldat mit dem Spitznamen "Kruger" und Afghanistan-Erfahrung. "Wenn Sie als Kriegstourist kommen, ist dies nicht der richtige Ort für Sie", sagt er. "Die Realität des Krieges wird Sie ziemlich überwältigen."

Anthony Capone hilft der Ukraine auf indirekte Weise. Der wohlhabende Unternehmer aus der Gesundheitsbranche in New York finanziert nach eigenen Angaben hunderte von ehemaligen Soldaten und Sanitätern, die in die Ukraine gehen wollen. Capone hatte sein Finanzierungsangebot auf dem Portal LinkedIn gepostet und damit gerechnet, dass zehn oder 15 Personen darauf antworten würden. "Im Moment bin ich bei etwa 1.000", sagt er. Capone betont, dass er die Ex-Soldaten nur finanziere. Deren militärische oder medizinische Qualifikationen könne er nicht überprüfen. Etwa 60 Prozent der potenziellen Helfer sind demnach Amerikaner, 30 Prozent Europäer.

Im Zentrum von Lwiw lädt Sig, ein stämmiger, russischsprachiger Kanadier, Säcke mit Ausrüstung auf den Rücksitz eines Kleinbusses. Den hat er in Polen gekauft und in die ukrainische Stadt gefahren. Er trägt eine kugelsichere Weste, die mit medizinischem Werkzeug vollgestopft ist. Normalerweise arbeite er als ziviler Sanitäter, sagt Sig. In seinen Taschen befinden sich hunderte Kilogramm an Ausrüstung, darunter medizinisches Material und Lebensmittelrationen. Damit soll es an die Front gehen.

Zu Sigs vierköpfigem Team gehört auch ein Amerikaner, der in der ehemaligen Sowjetrepublik Georgien geboren wurde. Er gibt zu verstehen, seine Familie habe "seit Generationen" gegen Russen gekämpft.(reuters)