"Galizien war immer Treffpunkt der Kulturen. Die ersten Juden kamen im 13. Jahrhundert, später erreichten viele Armenier unsere Stadt, die von der Halbinsel Krim vor den Türken flohen und dann ganz viele Italiener. In Lemberg waren vor dem Zweiten Weltkrieg 30 Prozent der Bevölkerung jüdisch." Universitätslektorin Larissa Cimbenko schwenkt ihre Sonnenbrille, um einzelne Sätze zu unterstreichen. Dekorative Häuser im florentinischen Stil kennzeichnen die Altstadt von Lemberg, auf ukrainisch Lviv. "Die Armenier teilten ein ähnliches Schicksal wie die Juden. Sie wurden immer verfolgt."

Eine beharrliche Roma-Frau mit einem stämmigen Baby verfolgt die Reisegruppe des Wiener Jüdischen Chors quer durch die Stadt. Die Heiligenbilder in der armenischen Kirche haben schwarze Gesichter. Der Fluss durch die Altstadt verläuft heute unterirdisch, denn "einige österreichische Baumeister überwölbten den Fluss, der die Wasserscheide zwischen Schwarzem Meer und Ostsee darstellt", erklärt Cimbenko. Die Nazis zerstörten schon in der ersten Woche die große Stadtsynagoge, von der nur zwei Durchgänge blieben, und die "Goldene Rose" genannte zweite Synagoge. "Zwischen 1941 und 44 wurden alle galizischen Juden auf immer vernichtet. Hinter der Eisenbahn war das Ghetto." Heute leben zumeist russisch sprechende Juden in Lemberg. Der Rabbi kommt aus Amerika und ist 40 Jahre alt. Er legte gerade Protest bei der Stadtverwaltung ein, weil auf dem Friedhof ein Bauernmarkt abgehalten wird.

Die nationale Frage

Die Stadt Czernowitz war um die Jahrhundertwende eine deutsch sprechende Metropole. Die Nationalitätenpolitik in der Bukowina galt als sehr liberal. "Niemand konnte sagen: Ich bin hier die wichtigste Nation. In der ethnischen Kulturenkommunikation konnte keine Gruppe dominieren. Es gab einen gewissen Zwang zum Kompromiss zwischen den Polen, Ruthenen, Rumänen, Juden und Deutschen", analysiert der Historiker Sergij Osatschuk. Beim ersten Weltkongress für Jiddisch 1908, die der Wiener Schriftsteller Nathan Birnbaum einberief, trat eine Gruppe, die nicht assimilatorisch eingestellt war, für die Anerkennung des Jiddischen als Sprache ein, eine andere gegen alles Nationale auf.

Autoverkehr in Lemberg anno 2005. 
- © Wiener Jüdischer Chor

Autoverkehr in Lemberg anno 2005.

- © Wiener Jüdischer Chor

Später wollte man alles Nationale aus dem Nationalhaus weg haben, in der Sowjetzeit sägte man sogar den Davidsternen im Treppenhaus zwei Zacken weg", erzählt Osatschuk. Einen Stern hat man in der seltsamen viereckigen Form belassen. Den anderen wurden Mitte der 90er Jahre die fehlenden Zacken wieder angeschweißt. "Im Jahre 1913 gab es 1340 jüdische Vereine. Es gab sogar einen Verein zur Bekämpfung der Sklaverei in Afrika." Auf dem Weg zum Friedhof weist Osatschuk auf die Straßenlaternen hin, an deren Dekorationen ebenfalls manipuliert wurde. Die Zacken der ehemals rot leuchtenden Sterne wurden ebenfalls abgesägt.

"Die Sägemeister sind nach wie vor am Werk", sagt er. "So wird Geschichte geschrieben", kommentiert ein weibliches Chormitglied. Vor kurzem hat man eine vergrabene Maria Theresien-Statue in der Erde entdeckt. Rumänien war Verbündeter des Dritten Reiches und die Bukowina bis Odessa besetzt. 50.000 Juden wurden in Czernowitz in das Ghetto eingesperrt. Nach zwei Monaten wurde 35.000 davon in Arbeitslager nach Transnistrien verbannt. 15.000 Juden durften bleiben, weil sonst das öffentliche und geschäftliche Leben zusammen gebrochen wäre. Heute gibt es eine Wiener Initiative, um die Totenhalle am mit Brennnesseln überwucherten Friedhof zu renovieren. Die US-Organisation Or Avner hat das Haus des chassidischen Wunderrabbis von Sada Gora gepachtet, um es wiederherzustellen. Die Eltern der Schriftstellerin Rose Ausländer lebten da.

Bier zum Frühstück

Akkordeonmusik tönt aus den Fenstern der chassidischen Synagoge in Kolomyja in der Westukraine. Die Wiener Klezmerband "Scholem Alejchem" probt für das abendliche Konzert in dem kleinen Städtchen. Um die Ecke am alleengeschmückten Hauptplatz in einem Straßencafe ukrainische Jugendliche, die auf ein Ethnomusik-Festival in die Karpaten fahren wollen und auf ihren Zug warten. Leere Bierflaschen stehen säuberlich aufgereiht in Zweierreihen auf dem Tisch.

Angesägte Davidsterne in einem jüdischen Haus. 
- © Wiener Jüdischer Chor

Angesägte Davidsterne in einem jüdischen Haus.

- © Wiener Jüdischer Chor

Der "Narodni Dom", das Volksheim in Kolomyja ist eine riesige Halle mit üppigen Ölbildern berühmter Männer an der Wand und gelb-schwarzen Mosaiken auf dem Boden. Der Wiener Jüdische Chor mit seinen vierzig Charakterköpfen ist zu spät für seinen Auftritt von einem fakultativen Ausflug zu den huzulischen Kunstgewerbemärkten in den Karpaten zurückgekehrt und improvisiert nun zwei Lieder in der Vorhalle des Volksheimes. "Scholem Alejchem" hatte die Lücke gefüllt und den Auftritt auf zwei Stunden ausgedehnt. Die Zuhörer, die bereits ihre schicken Schuhe im Plastiksackerl tragen und in den Alltagsschuhen zum Ausgang streben, gehen bei der einen Seite des Volksheimes hinaus und rennen lachend, immer der Musik hinterher, beim anderen Eingang wieder hinein. So weit man bei den großteils alten Leutchen von "rennen" sprechen kann. Der euphorisierte Chorleiter dirigiert schließlich das letzte Lied draußen auf den Stufen vor dem Narodni Dom. Auf der Bühne probt schon eine Gruppe von Jugendlichen Volkstanz für einen Auftritt.

Haben sie uns jemals geliebt?

"Vor dem Krieg lebten hier 18.000 Juden von insgesamt 36.000 Einwohnern", erzählt Alexander Babitcenko, der Präsident der Jüdischen Gemeinde Kolomyjas. "Im Nationalsozialismus gab es drei Ghettos mit insgesamt 90.000 Juden, die hier wohnen mussten. 27.000 davon sind in Kolomyja gestorben und begraben." Heute umfasst die Jüdische Gemeinde 200 Mitglieder, beinahe alle sind um in der Holzindustrie zu arbeiten aus der ehemaligen Sowjetunion zugewandert.

Nur noch zwei alte Männer sprechen Hebräisch, wenn die beiden sterben, wird es beim Vortragen der Gebete Probleme geben. "Es gibt noch eine zweite Synagoge, die momentan vom Staat genutzt wird. Wir wollen sie aber nicht zurück haben, aus Angst vor Ressentiments", berichtet Babitcenko, der aus Kiew stammt und dessen Kinder in Haifa leben. "Es ist finster, wir müssen heim, sagen die Leute am Abend, denn die Straßenlaternen werden in der Nacht ausgeschaltet. Einige fürchten sich im Dunkeln. Deswegen beten wir jetzt Samstag Vormittag und nicht mehr Freitag Abend."

Gibt es Antisemitismus in Kolomyja? "Haben sie uns jemals geliebt?", lacht der kleine stämmige Mann. "Nein, nur auf dieser Ebene gibt es Antisemitismus: Du bist ein Jude und trotzdem ein Guter…" Bei den Unruhen wegen dem Regierungsumsturz und der Jutschenko-Geschichte wurden in der Synagoge die Fenster eingeschlagen.