"Das Auto vor uns wurde von einer Rakete getroffen. Alle Menschen, die darin saßen, waren tot. Auf uns wurde auch geschossen. Aber irgendwie hatten wir Glück. Wir wurden nicht getroffen und haben es lebend rausgeschafft." Wenn Veronica von ihrer Flucht aus der seit Tagen unter russischem Beschuss liegenden Stadt Irpin bei Kiew berichtet, fließen Tränen. Die 20-Jährige, die in einem SOS-Kinderdorf in Browary bei Kiew aufwuchs, schlug sich zusammen mit vier Freunden auf eigene Faust an die ukrainisch-polnische Grenze durch.

Mittlerweile lebt sie im SOS-Kinderdorf Bilgoraj, rund 80 Kilometer westlich der ukrainisch-polnischen Grenze. Dort kümmert sich eine Psychologin um die schwer traumatisierte Studentin. Die Kinderschutzorganisation hat seit Beginn des Krieges in der Ukraine rund 155 Kinder, Pflegeeltern und Mitarbeiter nach Polen evakuiert. Doch in der Ukraine lebten vor Ausbrauch des Krieges fast 100.000 Buben und Mädchen in staatlichen Kinderheimen.

Wenn Veronica von ihrer lebensgefährlichen Flucht aus Irpin berichtet, lässt nicht nur die Erinnerung an die Stunden der Todesangst ihren Blick glasig und ihre Stimme zittrig werden. Auch ein Gefühl, das SOS-Kinderpsychologin Oksana Nasybullina Überlebensschuld nennt, macht der 20-Jährigen schwer zu schaffen. Seit ihrer Flucht aus Irpin beschleicht sie immer wieder das Gefühl der Schuld, weil sie selbst den Krieg überlebt hat, während andere sterben. "Gerade habe ich erfahren, dass meine Nachbarn, mit denen ich noch gestern telefoniert habe, heute bei einer Explosion getötet wurden", sagt Veronica und starrt ins Leere.

"Die russische Armee schießt sogar auf Helfer und fliehende Kinder, Mütter und Alte."

Ela Janczur, SOS-Kinderdorf

Als Sozialarbeiterin Ina Karpinska Veronica in den Arm nimmt, um sie zu trösten, bricht die Sozialarbeiterin selbst in Tränen aus. "Ich habe in Browary bei Kiew mit jungen Erwachsenen wie Veronica gearbeitet. Viele von ihnen sind noch dort. Einige von ihnen wollen freiwillig gegen die Russen kämpfen. Viele von ihnen kann ich nicht mehr erreichen. Ich hoffe, sie leben noch." Dann versagt Shcherbaks Stimme.

Valentina Maksymenko weiß, dass alle ihre Kinder in Sicherheit sind, dennoch muss auch sie oft mit den Tränen kämpfen. Im großen Wohnzimmer des Hauses, das sie in Bilgoraj seit einigen Tagen mit ihren neun Pflegkindern im Alter zwischen sechs und 16 Jahren bewohnt, übt sie gerade mit den Jüngsten lesen. "Sie gehen hier in Polen noch nicht zur Schule, aber es ist wichtig, dass ich ihnen jetzt möglichst viel Normalität und Routine vermittele", sagt die erfahrene Pädagogin.

Mit neun Pflegekindern geflüchtet

Bis eine Woche vor Ausbruch des Krieges lebte sie mit ihren Pflegkindern im SOS-Kinderdorf in Brovary. Weil die Kinderschutzorganisation die Warnungen des amerikanischen Geheimdienstes CIA vor einem Einmarsch russischer Truppen ernst nahm, wurde der Großteil der betreuten Kinder bereits Mitte Februar in eine Reha-Klinik im vermeintlich sicheren Westen der Ukraine gebracht. Doch schon wenige Tage später gab es in der ganzen Ukraine keinen wirklich sicheren Ort mehr.

Valentina Maksymenko mit vier ihrer neun Pflegekinder im Alter zwischen sechs und 16 Jahren. 
- © Matthias Ziegler

Valentina Maksymenko mit vier ihrer neun Pflegekinder im Alter zwischen sechs und 16 Jahren.

- © Matthias Ziegler

Maksymenko floh deshalb mit ihren Kindern drei Tage nach Kriegsausbruch ins 90 Kilometer entfernte Polen. "Sechs Stunden haben wir nachts bei Minustemperaturen an der Grenze gewartet. Die Kinder haben vor Kälte, Angst und Erschöpfung gezittert und geweint. Es waren so viele Menschen dort. Ein zweijähriges Kind ist bei einer Massenpanik zu Tode getrampelt worden", erzählt Valentina Maksymenko. Während sie von der dramatischen Flucht berichtet und sich immer wieder die Augen reiben muss, spielen ihre Pflegekinder am Esstisch friedlich Karten miteinander und malen.

Immer wieder kommen sie zu ihrer Pflegemutter und zeigen ihr stolz, was sie für sie gezeichnet haben. Valentina Maksymenko hat kein Problem damit, dass die Kinder dann sehen, dass ihre Augen gerötet sind. "Seitdem in unserem Land Krieg herrscht, haben die Kinder mich oft weinen sehen. Wir weinen auch oft zusammen", erzählt die Pflegemutter.

Die meisten Tränen flossen, als ihre 15-jährige Pflegetochter Juliana erfuhr, dass ihre beste Freundin und deren Eltern vermutlich von russischen Soldaten erschossen wurden, als sie bei Browary Freunde mit Essen und Trinken versorgen wollten. "Es sind so schreckliche, sinnlose Tode. Wie kann man nur auf harmlose Kinder schießen? Wir werden morgen in der Kirche gemeinsam für Julianas getötete Freundin und ihre Familie beten", erzählt die gläubige Pflegemutter.

Psychologin Oksana Nasybullina versucht, Traumata mittels Atemübungen gegen Panikattacken, Spiel-, Mal- und Gesprächstherapie zu bekämpfen. 
- © Matthias Ziegler

Psychologin Oksana Nasybullina versucht, Traumata mittels Atemübungen gegen Panikattacken, Spiel-, Mal- und Gesprächstherapie zu bekämpfen.

- © Matthias Ziegler

Mit jedem weiteren Kriegstag gibt es weitere Tote und Verletzte und schwer traumatisierte Kinder. Schlaf- und Konzentrationsschwierigkeiten, Panikattacken, Verschlossenheit, Apathie, Bindungsängste, Depressionen oder gar Suizidgedanken - der Krieg hat bereits viele dunkle Schatten auf die Kinderseelen geworfen.

Äußerst riskante Evakuierungen

Oksana Nasybullina hat bis zum Ausbruch des Krieges als Kinderpsychologin im SOS-Kinderdorf in Browary gearbeitet und ist nach fünf durchwachten Nächten im Luftschutzbunker unter Beschuss selbst mit ihrer vierjährigen Tochter ins Kinderdorf in den Osten Polens geflohen. Sie ist überzeugt, dass viele im Krieg psychisch erkrankten Kinder geheilt werden können. Mit Atemübungen gegen Panikattacken, Spiel-, Mal- und Gesprächstherapie versucht sie, Traumata zu bekämpfen, bevor sie sich als Neurosen manifestieren.

Die Evakuierungen der Kinder sind äußert riskant. "Die vereinbarten Evakuierungskorridore sind nicht sicher. Die russische Armee missachtet fundamentale humanitäre Grundsätze und schießt sogar auf Helfer und fliehende Kinder, Mütter und Alte. Es ist eine entsetzliche Katastrophe", sagt Ela Janczur, Repräsentantin von SOS-Kinderdorf für die Ukraine beim Besuch des polnisch-ukrainischen Grenzübergangs Hrebenne. Die Missachtung ausgehandelter Waffenstillstände zur Evakuierung von belagerten Städten führe dazu, dass Eltern vor die unmenschliche Wahl gestellt würden, teilweise ohne Nahrung, Wasser und Elektrizität mit ihren Kindern in Luftschutzkellern auszuharren oder sich mit ihren Töchtern und Söhnen auf die lebensgefährliche Flucht zu machen. "Es ist eine Entscheidung zwischen Todesgefahr und Todesgefahr", so Janczur.