Der russische Krieg gegen die Ukraine hat in östlichen EU-Staaten eine riesige Solidaritätswelle ausgelöst. Menschen, die vor den Kämpfen fliehen, werden mit offenen Armen und Herzen aufgenommen. So erhalten sie beispielsweise im polnischen Grenzbahnhof Przemysl erst einmal etwas Warmes zu essen. Polen ist bisher das Haupt-Aufnahmeland: 1,8 Millionen der insgesamt knapp drei Millionen Geflüchteten seien dort gelandet, vermeldet das UN-Flüchtlingshochkommissariat. Tschechien schickt Sonderzüge, um Hilfsgüter zu liefern und Flüchtlinge abzuholen. Und auch in der Slowakei und Ungarn ist die Hilfsbereitschaft groß.

Vergleiche mit der Krise im Sommer 2015 werden dieser Tage immer wieder bemüht. Damals sperrten sich insbesondere die Visegrad-Staaten Polen, die Slowakei, Tschechien und Ungarn gegen die Aufnahme von Asylwerbern und in weiterer Folge gegen eine quotierte Umverteilung von Antragstellern in der EU. Der Streit landete sogar vor dem Europäischen Gerichtshof, der den hartnäckigsten Aufnahmeverweigerern im April 2020 Rechtsbruch bescheinigte.

Erinnerungen an den Prager Frühling

Warum ist diesmal alles anders? Neben den Schutzsuchenden aus dem syrischen Kriegsgebiet versuchten auch viele Personen nach Europa zu kommen, die keine Aussicht auf Erfolg ihres Asylantrags hatten - Menschen, die nicht aus Konfliktgebieten stammten, sondern auf der Suche nach einer besseren wirtschaftlichen Perspektive waren. Dazu kommt: "Die Islamophobie ist in Polen sehr groß, und Flüchtlinge aus der Ukraine stehen den Menschen von Religion und Kultur her näher als die aus Syrien", sagt der Politologe Antoni Dudek, Professor an der Kardinal-Stefan-Wyszynski-Universität in Warschau, zur Nachrichtenagentur Reuters. Ein weiteres Motiv sei das Mitgefühl mit den Opfern einer russischen Aggression. "Die Polen haben eine lange Tradition von Aufständen gegen Russland", erklärt Dudek. Auch der Kampf der Gewerkschaft Solidarnosc, die in den 1980ern das kommunistische Regime niederrang, werde von vielen Polen als Widerstand gegen den russischen Imperialismus interpretiert.

Ähnlich ist es in Tschechien und der Slowakei, wo Erinnerungen an die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung Prager Frühling im August 1968 wach werden. "Es gibt viele Leute, die sagen, dass wir damals einen Fehler gemacht haben, als wir uns nicht verteidigt haben", sagt der Prager Soziologe Jan Herzmann. Der Kampf der Ukrainer für ihr Land wecke daher Bewunderung.

Ein weiterer Aspekt sei, dass man in den vergangenen Jahrzehnten positive Erfahrungen mit ukrainischen Zuwanderern gemacht habe, so der Experte. Sie stellten bereits vor dem Krieg die größte Ausländergruppe in Tschechien. "Die Leute arbeiten bei uns, sie sind tüchtig, sie sind anständig", sagt Herzmann. Auch Polen ist seit langem Ziel ukrainischer Arbeitsmigranten, die auf dem Bau und in der Landwirtschaft Beschäftigung finden.

Auch mit Enttäuschungen ist zu rechnen

Auch Ungarn, das sich 2015 nahezu völlig abschottete, hält seine Tore für die Ukrainerinnen und Ukrainer weit offen. Die überwiegende Mehrheit von ihnen zieht allerdings in ein anderes europäisches Land weiter, meist dorthin, wo schon Verwandte und Freunde leben und arbeiten. Nach Ungarn sind bisher nach Polizeiangaben mehr als 250.000 Kriegsflüchtlinge gekommen, in dem westukrainischen Oblast Transkarpatien lebt eine große ungarische Minderheit. Politisch nimmt das Land aber eine Sonderrolle ein: Während Polen, Tschechien und die Slowakei die Ukraine auch militärisch unterstützen, hält sich Ungarns Premier Viktor Orban so weit wie möglich aus dem Krieg heraus. Er ist seit Jahren engster EU-Verbündeter von Russlands Präsident Wladimir Putin. Ungeachtet dessen unterstützen viele Ungarn die ukrainischen Flüchtlinge.

"Wir helfen nicht nur den anderen, sondern auch uns selbst, weil wir damit unsere eigenen Ängste verarbeiten", sagt Psychiater Jan Vevera von der Universitätsklinik im tschechischen Pilsen. Doch er warnt vor einer unausweichlichen Phase der Desillusionierung, in der sich Enttäuschung breitmacht und Verschwörungstheorien einen Nährboden finden.

"Wir müssen damit rechnen, dass sich die Flüchtlinge nicht genau so verhalten werden, wie wir uns das vorstellen", sagt der Psychiater. Viele dürften von ihrer Situation frustriert sein. Sie seien dann angespannt. Frauen sorgten sich zudem um ihre Männer, die in der Ukraine geblieben sind. Manche würden Ansprüche stellen, statt nur Dankbarkeit zu zeigen. "Darauf müssen wir vorbereitet sein", mahnt Vevera. (dpa/red.)