"Unbedingt in den nächsten eineinhalb Tagen trinken, sonst wird es schlecht." Sagt’s, nimmt die Plastikflasche vom Zapfhahn, schraubt den Deckel zu und drückt sie einem in die Hand. Die so zierliche wie resolute Mittdreißigerin hinterm Tresen trägt löchrige Jeans, ein T-Shirt der australischen Speed-Metal-Kombo Nothing Sacred - und sie weiß hoffentlich, wovon sie spricht; schließlich haben sie und ihr Mann das Getränk selbst gebraut, das sie jetzt in dem kleinen Laden in einem westlichen Vorort von Odessa verkaufen. "Danke. Der Nächste! Ein oder zwei Liter?" Der Angesprochene, ein gedrungener älterer Herr mit Schnauzbart und Siebzigerjahre-Koteletten, braucht nicht lange überlegen. "Dreimal zwei Liter, bitte."

Was oberflächlich wie eine normale Unterhaltung zwischen einer Verkäuferin und ihren Kunden klingt, stellt indes ein Verbrechen dar - dank der abnormalen Zeiten, in denen sich alle an der Szene Beteiligten und alle, die sich vor oder hinter ihnen angestellt haben, unfreiwillig wiederfinden. Seit Beginn der russischen Invasion ist der Ausschank von Alkohol in weiten Teilen der Ukraine illegal. Ende Februar verschwanden binnen Tagen Schnaps, Bier und Wein aus den Supermärkten, und weil die Bars und Restaurants in den ersten Kriegswochen ebenfalls dichtmachten, sitzen seitdem Millionen Ukrainer auf dem Trockenen. Darunter auch die Einwohner von Odessa, hinter Kiew und Kharkiv die drittgrößte Stadt des Landes. Aber wo ein Wille, da ein Weg; und weil die hiesige Polizei im Allgemeinen und die von Odessa im Besonderen seit jeher für ihre, nun ja, Flexibilität bekannt ist, ist dort in den vergangenen paar Wochen eine kleine, aber nichtsdestoweniger beachtliche Untergrund-Industrie entstanden.

Die Stadt als Mutter

Mehr als eine Million Einwohner zählt die Hafenstadt am Schwarzen Meer in Friedenszeiten, aber die sind vorbei. Schätzungen, wie viele sie seit Kriegsbeginn verlassen haben, reichen von 200.000 bis zu einer halben Million. Was die hier Gebliebenen angeht, lassen sie an der Deutlichkeit ihrer Botschaft nichts zu wünschen übrig. "Russische B***, geht nach Hause!" "Russisches Kriegsschiff, ver*** dich!" "Wenn jemand die Mutter anrührt (gemeint ist Odessa, Anm.), werden wir ihn begraben." Ob auf Hausmauern, Plakatwänden, den Werbetafeln hoch über den Stadtautobahnen oder auf Fahnen, die sie auf ihre Balkone oder auf öffentlichen Plätzen aushängen: Ein Monat nachdem die russischen Invasoren die Grenzen zum Nachbarland überschritten, lassen die Odessiter keinen Zweifel daran, was sie von ihnen halten und was ihnen blüht, sollten sie tatsächlich einen Angriff wagen.

Seinen Niedergang als Kulturmetropole erfuhr Odessa in der Sowjet-Ära. Lenin, Stalin und ihre Nachfolger fremdelten mit dem urbanen Gebilde.

Warum das bisher nicht geschehen ist, verdanken sie allen voran den Verteidigern einer kleineren und ungleich weniger glamourösen Provinzstadt Mykolaiw. Es liegt rund 130 Kilometer weiter östlich. Trotz des enormen Einsatzes von Soldaten und Material haben es Russlands Bodenstreitkräfte nicht geschafft, sie zu erobern. Für die Situation Odessas ist Mykolaiw entscheidend, da im Fall eines Durchbruchs der Russen dort der Weg entlang der Küste bis zur Stadtgrenze praktisch frei wäre.

Einst Urlaubsziel vieler Russen

Wenn man heute mit den Leuten spricht, die Odessa ihre Heimat nennen, stechen allem voran zwei Themen hervor. Erstens, eine gewisse Fassungslosigkeit, die sich bis heute nicht gelegt hat. Egal, ob Mann oder Frau, arm oder reich, rechts oder links, Gebürtige oder Zugewanderter: die Odessiter sind auch nach über einem Monat Krieg immer noch baff, dass Russland die gesamte Ukraine überfallen hat. Tenor: Man hatte maximal damit gerechnet, dass Putins Soldaten in den Donbass einmarschieren; aber dass sie das gesamte Land mit Krieg und Terror überziehen, hat hier alle überrascht.

Das Bemerkenswerte daran ist, dass Odessa und die Region, in der es liegt, traditionell als Russland-freundlich gelten. Ein angesichts der jüngeren Geschichte der Stadt wenig erstaunlicher Umstand. Während auf den Straßen des Westens und Nordens des Landes das Ukrainische dominiert, spricht die Mehrheit in Odessa bis heute russisch. In den Sommermonaten tummeln sich hier gewöhnlich fast so viele Menschen aus Rostov, Moskau, Sankt Petersburg oder Perm wie Einheimische. Aber sogar jene Odessiter, die bisher Moskau-freundlich eingestellt waren, zeigen keinerlei Verständnis für die Invasion. Wenn es wider erwarten doch noch hart auf hart gehen sollte, machen sie keinen Hehl daraus, auf welcher Seite sie kämpfen werden: für die Ukraine.

Odessa war bis in die 1950er Jahre Schauplatz von Pogromen. Die Stadt hat aber auch eine jahrhundertealte Tradition als kosmopolitische, stark jüdisch geprägte Metropole. 
- © afp / Bülent Kilic

Odessa war bis in die 1950er Jahre Schauplatz von Pogromen. Die Stadt hat aber auch eine jahrhundertealte Tradition als kosmopolitische, stark jüdisch geprägte Metropole.

- © afp / Bülent Kilic

Entsprechend ist das zweite Thema, das in fast jedem Gespräch hochkommt, die Rhetorik der Vertreter der russischen Regierung. Besonders die von Wladimir Putin. In Odessa nehmen es die Leute spürbar persönlicher als anderswo, wenn sie von ihm "Nazis" genannt werden. Obwohl es hier bis in die Fünfzigerjahre zu einigen der schlimmsten Pogrome in ganz Osteuropa kam, hat die Stadt eben auch eine andere Seite, geboren aus einer jahrhundertealten Tradition als kosmopolitische, stark jüdisch geprägte Metropole, in der zeit ihrer Existenz Menschen aus allen Teilen der Welt zusammenkamen und teilweise bis heute kommen. Immerhin, und obwohl es sich derzeit noch keiner zu verschreien traut: Angesichts des bisherigen Kriegsverlaufs könnte Odessa vielleicht sogar komplett verschont werden. Es wäre nicht das erste Mal in ihrer bewegten Geschichte, dass sich die "Perle des Schwarzmeers" (ein historischer, aber immer noch gängiger Spitzname) aus einer schwierigen Situation herauswinden würde.

Ort voller Widersprüchlichkeiten

Odessa war schon immer ein komplizierter Ort, voll von Widersprüchen und mitunter gewaltsam ausgetragenen Gegensätzen. 1794 unter der deutschen Zarin Katharina der Großen gegründet, wuchs sie im Laufe der Jahrhunderte zur Regionalmetropole heran, deren Strahlkraft dank des Erfindungsreichtums und der Fertigkeiten italienischer, französischer und austro-ungarischer Architekten, Künstler und Schriftsteller bisweilen weit über Osteuropa hinaus ging. Seinen nachhaltigen Niedergang als Kulturmetropole erfuhr Odessa in der Sowjet-Ära. Wiewohl sich unter den hiesigen Hafenarbeitern zahlreiche fanatische Bolschewiken fanden, fremdelten Lenin, Stalin und ihre Nachfolger mit diesem seltsamen urbanen Gebilde da unten in der Südukraine.

Abgesehen von ihrer Unabdingbarkeit für die Import- und Exportindustrie - für die heutige, unabhängige Ukraine ist Odessas Hafen, der mit Abstand größte des Landes, überlebenswichtig -, wusste die kommunistische Nomenklatura nichts mit der Stadt anzufangen. Egal, welcher Quadratschädel im Laufe der Jahrzehnte dem Politbüro der KPdSU vorstand: Odessa verfiel weiter und weiter. Auch wenn Teile der historischen Altstadt mittlerweile wieder aufgebaut und renoviert wurden, schreien auch dort viele Gebäude bis heute nach einer Generalsanierung.

Cafés sind wieder geöffnet

Die heutige Hoffnung der Odessiter besteht darin, sich bald wieder Problemen wie diesen widmen zu können und anderen, wie dem ausufernden Geschäft mit der käuflichen Liebe und den seit Jahren grassierenden lokalen Chrystal-Meth- und Aids-Epidemien, die bisher auch ohne Krieg tausende Todesopfer gefordert haben.

Zwischen acht Uhr abends und sechs Uhr morgens herrscht in Odessa zwar nach wie eine streng kontrollierte Ausgangssperre, aber die relativ ruhige Lage führte jetzt sogar dazu, dass Bürgermeister Gennadiy Trukhanov aufrief, die Geschäfte und Restaurants wieder zu öffnen um die Wirtschaft anzukurbeln. Soweit sich das bisher beobachten lässt, offenbar mit dem gewünschten Effekt. Wer dieser Tage den Strandpfad im Zentrum entlang spaziert, findet die Terrassen von den Cafés, die offen haben, nicht selten mit Familien auf Ausflug gefüllt. Nach dem Schrecken der ersten paar Wochen lautet dementsprechend die einzige Frage, ob dieser friedliche Eindruck trügt und nur die Ruhe vor dem Sturm herrscht.

An Vorbereitungen auf einen russischen Angriff mangelt es Odessa definitiv nicht. Rund um die Stadt hat die lokale Militärverwaltung einen dichten Ring an Checkpoints eingerichtet. Die Strände sind vermint, das Zentrum wie die Peripherie voll mit Panzersperren. Die Eingänge zu den strategisch wichtigen Gebäuden sind oft gar nicht mehr zu sehen, weil davor hohe Mauern aus Sandsäcken stehen. Gepaart mit der Entschlossenheit der verbliebenen Odessiter, ihre Stadt zu verteidigen, ist es deshalb kaum vorstellbar, dass es für die Russen hier ein Durchkommen geben könnte - und wenn, dann nur um den Preis extrem hoher Verluste. Das einzige Problem: Wie die Herren im Kreml im Rahmen des bisherigen Ukraine-Feldzugs bewiesen haben, scheint das oft kein Grund, es nicht trotzdem zu versuchen.