Soldaten, die an den wenigen offenen Kiosken entspannt ihren Morgenkaffee nehmen; abwechselnd ihre Smartphones, Handtaschen und Koffer schwingende Frauen und Männer auf dem Weg zur Arbeit; Mütter und Kinder, die die für das Stadtbild so typischen streunenden Hunde und Katzen füttern. Am Montag erwachte Odessa allem voran mit einem Gefühl: dem, mit einem blauen Auge davon gekommen zu sein.

Von Samstag neun Uhr abends bis Montag sechs Uhr morgens hatte die lokale Militärverwaltung eine Ausgangssperre verhängt, die das öffentliche Leben zum Stillstand brachte. Die konkrete Angst: dass Wladimir Putin, der für seine Vorliebe für symbolisch aufgeladene historische Daten bekannt ist, ein für die Schwarzmeer-Metropole besonderes Jubiläum nutzen könnte, um jene ihrer Bewohner zu terrorisieren, die sie noch nicht verlassen haben. In Friedenszeiten stellt der 10. April in Odessa einen Feiertag dar. Am Sonntag war es genau 78 Jahre her, dass die Rote Armee die Stadt von den Nazis und deren rumänischen Verbündeten befreite.

Wenn es dementsprechend etwas gab, dass einem an diesem Wochenende die Absurdität der gegenwärtigen Situation in aller Deutlichkeit vor Augen führte, dann war es ein Tweet des Außenministeriums der Russischen Föderation. In nämlichem verwiesen Sergej Lawrows Social-Media-Propagandisten auf die Bedeutung der Befreiung und auf den Status Odessas als sogenannter "Heldenstadt". Letzterer war ihr 1965 verliehen worden. Nicht zufällig im ersten vollen Jahr der Herrschaft des gebürtigen Ukrainers Leonid Breschnew als Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion.

"Achtung, Minen", weist ein Schild am Strand von Odessa hin. 
- © Oleksandr Gimanov

"Achtung, Minen", weist ein Schild am Strand von Odessa hin.

- © Oleksandr Gimanov

Zu dem Zeitpunkt, als jemand in Lawrows Herrschaftsbereich den "Senden"-Knopf drückte, stand Odessa bereits seit 48 Stunden unter dem Beschuss von Raketen der russischen Schwarzmeerflotte. Während es Freitag laut dem ukrainischen Militär in einem außerhalb der nordöstlichen Stadtgrenze gelegenen Dorf zu einer nicht genannten Zahl an Todesopfern kam - russischen Angaben zufolge habe man dort ein angebliches "Zentrum für ausländische Söldner eliminiert" - gab es noch keine Details zu den Schäden vom Wochenende. Vom Rande des Stadtzentrums waren von Samstagabend bis Sonntagmorgen in so langen wie unregelmäßigen Abständen Explosionen in der Entfernung zu hören. Aufgrund der Ausgangssperre ließ sich weder feststellen, ob sie von einschlagenden Raketen oder von der Luftabwehr her stammten.

Paranoia und Missgunst geschürt

Wiewohl Odessa das Befreiungs-Jubiläum relativ glimpflich überstanden haben dürfte, haben die Angriffe der vergangenen Tage und Wochen ihre Wirkung in mancher Hinsicht trotzdem nicht verfehlt. Seit vergangener Woche leeren sich die Straßen der Hafenstadt, die in den vergangenen fünf Wochen geschätzt fast die Hälfte ihrer Bevölkerung verlor. Zu Friedenszeiten zählt sie eine Million Einwohner. Gleichzeitig greifen Phänomene um sich, die zwar seit Ausbruch des Krieges nicht neu sind, aber mit jedem Tag, den er andauert, spürbar an Intensität zunehmen.

Besonders die Aufhebung des Ende Februar eingeführten Alkoholverbots - seit eineinhalb Wochen dürfen die Odessiter wieder Bier, Wein und Schnaps kaufen, wenn auch nur zwischen neun Uhr morgens und drei Uhr nachmittags - zeitigt so seltsame wie potenziell gefährliche Auswirkungen. In den Abendstunden taumeln nunmehr fast täglich junge, stockbesoffene Männer - manche davon Soldaten auf Fronturlaub - auf den Straßen und Boulevards der Stadt herum, die auf der Ausschau nach vermeintlichen "Terroristen" alles anhalten, was ihnen verdächtig erscheint. Um zu ihrer Zielscheibe zu werden, reicht es bisweilen, dass man dunkles Haar und einen Vollbart trägt; aber die meisten ihrer Opfer bilden kaum zufällig Odessiter mit dunkler Hautfarbe, die von manch so blondem wie blauäugigem wie hirnverbranntem Ukrainer als vermeintliche "Kadyrovski" (die Kämpfer des Putin-treuen Tschetschenen-Führers Ramzan Kadyrov, Anm.) beschimpft, bespuckt und bisweilen auch körperlich attackiert werden.

Auch wenn Städten wie Odessa ein Schicksal wie das des beinahe zur Gänze zerstörten Mariupol nach dem derzeitigen Stand der Dinge erspart bleiben wird, scheint angesichts der Häufung solcher Vorfälle nicht nur hier, sondern überall im Land zumindest eine Taktik des Kremls aufzugehen: in der Ukraine soweit Paranoia und Missgunst zu schüren, dass sich manche seiner Bürgerinnen und Bürger gegen alles wenden, was sie als "fremd" empfinden. Wer wissen will, was eine derartige Strategie mittel- und langfristig für die Zukunft eines Landes bedeuten kann, schlage im politischen Lexikon des 21. Jahrhunderts nach unter USA und Donald Trump.