Der österreichische, in Odessa geborene Multimediakünstler Peter Weibel ist Initiator des umstrittenen Offenen Briefs gegen Waffenlieferungen an die Ukraine. Er habe "Emma"-Herausgeberin Alice Schwarzer geschrieben, ob sie nicht gemeinsam etwas unternehmen könnten, erzählte Weibel dem "Standard" (Mittwoch). "Uns alle treibt die Sorge um, dass die Lieferung schwerer Waffen den Krieg verlängert - dadurch die Vernichtung menschlicher Existenzen und der Blutzoll steigen."

Die Unterzeichner des Briefs wie Liedermacher Konstantin Wecker, Schauspieler Lars Eidinger, Autorin Juli Zeh und Schriftsteller Martin Walser forderten den deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz auf, alles dazu beizutragen, "dass es so schnell wie möglich zu einem Waffenstillstand kommen kann; zu einem Kompromiss, den beide Seiten akzeptieren können".

Weibel wies gegenüber der Zeitung den Vorwurf zurück, dass damit eine Kapitulation der Ukraine gefordert werde. "Dieser Krieg kann nicht endlos fortgeführt werden", argumentiert Weibel: die Regierung von Präsident Wolodymyr Selenskyj müsse selbst den Punkt erkennen, an dem der Widerstand das eigene Land vernichte. Russland wiederum erkennt, dass seine Militärmaschinen und -macht nicht so stark seien wie erwartet.

Weibel, Sohn einer Russland-Deutschen und eines Wehrmachtoffiziers, der seine Kindheit in Ried im Innkreis verbrachte, kritisierte die Reaktionen auf den Offenen Brief scharf: "Die Rhetorik, mit der die Unterzeichnerinnen des Briefes überschüttet werden, erinnert nicht an die freie Welt, sondern eher ans russische Staatsfernsehen, das auch die Gegner mit Spott und Hohn überschüttet."

Für Weibel ist die NATO-Osterweiterung der entscheidende Punkt. "Wenn Putin unterstellt wird, er hänge Großmachtträumen an, dann wird die Einsicht verstellt, dass sein Phantomschmerz ein gebrochenes Versprechen des Westens ist und nicht der Verlust der Sowjetrepubliken."

Außerdem meint Weibel: "Die fünf Millionen oder mehr Menschen, welche die Ukraine verlassen, fliehen nicht allein vor dem Krieg, sondern sie fliehen auch aus der korrupten Ukraine. Die Menschen, die aus den Kriegsgebieten des Ostens und des Südens der Ukraine kommen, könnten ja im Norden und Westen der Ukraine Sicherheit und Schutz finden. Man muss also die Frage stellen: Verteidigen wir wirklich in der Ukraine westliche Werte wie Freiheit, Demokratie usw.?" (apa/ade/mp)